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Gerald Hüther über den fehlenden Innovationsgeist

Klaudia Weber und Franz Bailom im Gespräch mit  dem Gerhirnforscher Prof. DDr. Gerald Hüther

 

Der oft zitierte und vielerorts ersehnte „Innovationsgeist“ macht seinem  Namen häufig alle Ehre und bleibt unsichtbar. Nur den wenigsten erscheint er!


Wo sind sie - die vielen kreativen und innovativen Köpfe, die die Welt in neue Bahnen lenken? Sind sie vom Aussterben bedroht? Und wenn ja, warum? Der Neurobiologe Gerald Hüther hat Antworten auf diese Fragen. Diese mögen vielleicht banal erscheinen, geht es doch seiner Meinung nach „nur“ um das richtige „Klima“, das ausschlagebend für mehr Innovationskraft sei. Ein Betriebsklima, das die ideale Mischung aus Freiheit und Verbundenheit bietet, damit ein „Sturm der Begeisterung“ für das eigene Tun entstehen kann. Die Aufgabe von Unternehmen sei es daher, Bedingungen zu schaffen, in denen Selbstorganisationsprozesse entstehen können. Und dann würden die Ideen nur so sprühen, meint der renommierte Neurobiologe im Gespräch …


 

Ohne Belohnung und Bestrafung zu mehr Kreativitätspotenzial

Gerald Hüther: Um es gleich vorwegzunehmen: Die „alten“ Strategien der Industriegesellschaft, die nach wie vor Anwendung finden und die Mitarbeiter über Belohnungs- und Bestrafungsmodelle „konditionieren“, sind dem Innovationsgeist nicht gerade zuträglich: im Gegenteil! Stattdessen sollten sich Führungskräfte lieber die Frage stellen, wie es gelingen kann, entsprechende Bedingungen im eigenen Unternehmen zu schaffen, damit jeder einzelne Mitarbeiter sein gesamtes kreatives Potenzial in den Gestaltungsprozess einbringen kann. Zur besseren Veranschaulichung, was ich meine, ein Vergleich:

Ich war einmal bei den Gesundheitstagen in Berlin. Hier ging es eigentlich um dasselbe Thema, weil Ärzte dem Irrtum unterliegen zu glauben, sie könnten heilen. Und jetzt kommt die Wissenschaft und sagt: „Ihr könnt Menschen gar nicht heilen.“ Im Wirtschaftsbereich müsste man jetzt das Wort „heilen“ durch „managen“ ersetzen. „Wenn der Knochen am Arm gebrochen ist, dann könnt ihr zwar einen Verband anlegen und den Arm von außen stützen, indem ein „Rahmen“ gebaut wird,  sodass es (!) wieder zusammenwächst. Aber ihr könnt den Knochen nicht zusammenwachsen LASSEN.“

Deswegen kann es eigentlich immer nur unsere Aufgabe sein, Bedingungen zu schaffen, in denen ES passiert. Das haben die Ärzte gut annehmen können und das werden auch moderne Manager annehmen. Es geht im Grunde genommen immer um Selbstorganisationsprozesse!

 

Gute Selbstorganisationsprozesse brauchen einen anderen Rahmen

Gerald Hüther: Wenn man das einmal verstanden hat, dann darf man aber nicht einfach annehmen, dass ein Selbstorganisationsprozess immer günstig verläuft. Ein Prozess organisiert sich entlang der Rahmenbedingungen, die vorgefunden werden – und zwar so, dass das System mit möglichst wenig Energie erhalten bleiben kann. Wenn Sie einen ungünstigen Rahmen haben – zum Beispiel ein Wirtschaftssystem, das auf Konkurrenz ausgerichtet ist und keine anderen Dimensionen kennengelernt hat als jene, in denen der eine den anderen „auffrisst“, organisieren sich die Unternehmen zwangsläufig so, dass sie in diesem Haifischbecken überleben können.

Dabei könnte man den „Verband“ auch ANDERS anlegen, um dieses Bild nochmals für Unternehmen bzw. für unser Wirtschaftsystem zu strapazieren. Man könnte also einen anderen Rahmen setzen, innerhalb dessen auch etwas anderes passiert, als dass Menschen einfach nur funktionalisiert oder auf ein Konkurrenzdenken hin „ausgerichtet“ werden. Diese „Botschaft“ ist aber noch bei den wenigsten angekommen. Und dann klagen alle über den verloren gegangenen Innovationsgeist. Dabei werden die meisten Menschen mit viel mehr Potenzial geboren als jenem, das schlussendlich übrig bleibt. Woran liegt das?

Mitarbeiter mit ungestillten Bedürfnissen können derzeit von den Unternehmern nur über Belohnungen abgeholt werden, indem bestimmte Dinge bedeutsam gemacht werden, die eigentlich nicht bedeutsam sind.

GERALD HÜTHER

Wer hat, dem wird gegeben

Gerald Hüther: Wir bleiben im Grunde genommen alle das Ergebnis dessen, was innerhalb des Rahmens, in dem wir heranwachsen, möglich ist. Der Rahmen ist aber in Österreich oder Deutschland ein anderer als in China, Syrien oder Somalia. Ausgehend vom Potenzial – „hirntechnisch“ gesehen – hätten wir uns in einem anderen Rahmen besser oder schlechter entwickeln können. Und dieser Rahmen ist nicht das auswendig gelernte Wissen, sondern dieser Rahmen ergibt sich durch die im Laufe des Lebens gesammelten Erfahrungen.

Das heißt, es geht um den Erfahrungsrahmen, den man einem Kind in seiner Entwicklung bietet. Ist dieser Rahmen sehr eng, weil die Eltern einer bildungsfernen Schicht angehören, dann ist der Erfahrungsschatz, den sie den eigenen Kindern bieten können, in vielen Fällen so gering, dass diese vielleicht ein Gehirn erhalten, mit dem sie sehr gut fernsehen können. Aber viele andere Dinge erfahren diese Kinder leider nicht und kommen dann oft auch in der Schule nur sehr schwer weiter. Es gilt auch hier das Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben! Ist der Rahmen am Anfang groß, gibt es in der Folge viele Vernetzungen, mit denen man in der Welt mehr sehen, erleben, wahrnehmen und auch gestalten kann als jemand, der in einem engen Rahmen groß wird und bei dem dann weniger Vernetzungen und komplexe Verschaltungen entstehen können …

Wir wissen also inzwischen, dass wir viel mehr könnten, wenn entsprechende Bedingungen vorherrschten und auch erhalten blieben. Warum passiert das dann aber nicht?

 

Nur mit Begeisterung reichert man den „Geist“ an

Gerald Hüther: Gerade Kinder im Alter von drei bis vier Jahren stellen am Tag an die 400 Fragen. Warum … was … wie und nochmals: warum? Die Fragen kreisen unaufhörlich. Ständig wundern sich die Kinder und hinterfragen alles. Bei diesen Kindern geht am Tag ungefähr hundert Mal der Sturm der Begeisterung im Gehirn los und es werden emotionale Zentren im Gehirn aktiviert, woraufhin die Zellgruppen im Mittelhirn mit ihren Fortsätzen neuroplastische Botenstoffe ausschütten. Das passiert beispielsweise beim Auswendiglernen von Telefonbüchern nicht. Diese Botenstoffe wirken wie Dünger auf die dahinter geschalteten Netzwerke, die man im Zustand der Begeisterung und Neugierde intensiv benutzt, um zum Beispiel ein Werk zu vollbringen, ein Problem zu lösen oder um sich an irgendetwas zu erfreuen.

Das heißt, es wird im Hirn nicht alles entwickelt, sondern nur das, wofür man sich begeistert. Jetzt kommt aber der Punkt: Wofür begeistern sich Menschen ganz allgemein? Sie begeistern sich nur dafür, was für sie auch wirklich bedeutsam ist. Am Anfang des Lebens ist das noch für alle Menschen das Gleiche. Das ist der eigene Körper … die eigene Wirksamkeit … die Möglichkeit, etwas zu entdecken und zu gestalten … mit anderen Menschen in Beziehung zu treten und einfach offen zu sein für alles, was die Welt zu bieten hat.

Sie begeistern sich solange, wie sie die beiden Grunderfahrungen, die sie schon im Mutterleib erfahren haben, auch nach der Geburt weiter erleben dürfen.

Eigentlich müsste ein Unternehmen so organisiert sein, dass die Mitarbeiter sich schon am Sonntagabend darüber freuen, dass sie am Montag wieder in die Firma gehen dürfen, weil sie dort erleben, wie sie dazugehören und gebraucht werden.

GERALD HÜTHER

Die Sehnsucht nach Verbundenheit & Autonomie blockiert unser Denken

Gerald Hüther: Diese beiden Grunderfahrungen heißen Verbundenheit auf der einen Seite und Wachstum bzw. Autonomie auf der anderen Seite. Es geht also im weiteren Leben darum, wie wir den Zustand der beiden Grunderfahrungen immer wieder erfahren und aufrechterhalten können. Denn diese einmal erlebten Erfahrungen werden zu einer Erwartungshaltung, die dann – bei Nichterfüllung – zu einer Sehnsucht werden.

Alle Menschen kommen ja schon mit dem Wissen auf die Welt, dass man gleichzeitig frei und verbunden sein kann … dass man also trotz Wachstum innerhalb des Mutterleibes eine starke Verbundenheit durch die Nabelschnur verspüren kann. Das ist ein tiefes, in allen Menschen angelegtes Wissen. Selbst wenn Kinder in menschenunwürdige Lebensbedingungen hineingeboren werden, tragen sie dieses Wissen über den „Idealzustand“ in sich. Dann machen die meisten von uns aber im Laufe ihres Lebens die Erfahrung, dass sich beides nicht immer vereinbaren lässt – zumindest nicht gleichzeitig vorkommt. Sobald eine dieser beiden Grunderwartungen nicht in Erfüllung geht, leidet der Mensch. Doch wenn der Mensch leidet, weil er das, was er braucht, nicht bekommen kann, dann ist er auf das Fehlende fokussiert.

 

Mit einem Fokus im Hirn ist man für nichts mehr so richtig offen und wach

Gerald Hüther: Das heißt, wir sind ständig auf der Suche nach etwas, das dann nur ein Ersatz sein kann. Denn das, was wir eigentlich suchen, konkret:

  • Wege aus der Einsamkeit und aus dem Gefühl des Nicht-verbunden-Seins auf der einen Seite und
  • Wege zu mehr Wachstum, Freiheit und Autonomie auf der anderen Seite,

scheinen wir nicht zu finden. Und dann nehmen wir alles, was wir bekommen können, und begeistern uns dafür. Wir begeistern uns für Computerspiele … für Kleidung … für Statussymbole … oder für Macht und Gewaltausübung … und … und … und. Man erhält also auch in diesen Fällen das passende Gehirn dazu, wofür und wie man sich begeistert, und dann wundern wir uns, warum wir auf unseren Potenzialen und „Früchten“ sitzen bleiben.

Wenn wir jetzt wieder an die Mitarbeiter denken, ist Folgendes zu sagen: Mitarbeiter mit ungestillten Bedürfnissen können derzeit von den Unternehmern nur über Belohnungen abgeholt werden, indem bestimmte Dinge bedeutsam gemacht werden, die eigentlich nicht bedeutsam sind.

Das heißt: Eigentlich müsste ein Unternehmen so organisiert sein, dass die Mitarbeiter sich schon am Sonntagabend darüber freuen, dass sie am Montag wieder in die Firma gehen dürfen, weil sie dort erleben, wie sie dazugehören und gebraucht werden … weil sie erleben, dass sie sich mit ihrer ganzen Gestaltungskraft einbringen können … weil also sowohl ihre Sehnsucht nach Freiheit, Autonomie und Gestaltungskraft als auch nach Verbundenheit gestillt wird. Was heißt das nun für uns alle?

 

Wir müssen etwas haben, worum wir uns gemeinsam kümmern können

Gerald Hüther: Wir brauchen gemeinsame Ziele und Visionen. Das ist eine der wunderbarsten Entdeckungen, die ich in den letzten Jahren gemacht habe. Wenn man sich gemeinsam mit anderen um etwas Wichtiges kümmert, dann kann man sich beherrschen und sich der Sache wegen zurücknehmen … dann lernt man den Nutzen von Selbstkontrolle, Disziplin, Einfühlungsvermögen … Man lernt all das von ganz alleine.

Die Krankheit unserer Zeit ist, dass wir vergessen haben, dass Menschen diese hochkomplexen menschlichen Fähigkeiten nur dann entwickeln können, wenn sie sich gemeinsam um etwas kümmern – etwas, das über den eigenen Horizont hinausreicht [1]

Wir brauchen gemeinsame Ziele und Visionen. Wenn man sich gemeinsam mit anderen um etwas Wichtiges kümmert, dann kann man sich beherrschen und sich der Sache wegen zurücknehmen … dann lernt man den Nutzen von Selbstkontrolle, Disziplin, Einfühlungsvermögen. 

GERALD HÜTHER

II


Quellen und Lesetipps

[1]  Das Interview ist in seiner gesamten Länge der Zeitschrift IMP Perspectives, Ausgabe 3 zu entnehmen: Weber, K. & Bailom, F. (2012). Hüther’s Lemon Trees. Oder über Fools Garden und den Geist der Innovation. Ein Interview mit Gerald Hüther. IMP Perspectives 3, Innovationslogiken der Zukunft (S. 41-53).

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Unser Interview-Partner

Gerald Hüther
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Der Gehirnforscher Professor DDr. Gerald Hüther – seines Zeichens Neurologe und Biologe – erklärt in seinen Vorträgen und Interviews immer wieder sehr eindrucksvoll, wie sich unser Gehirn entwickelt und wie wir unser Potenzial mehr ausschöpfen können. Mit der von ihm gegründeten "Akademie für Potenzialentfaltung" begleitet er Projekte, die sich auf unterschiedlichen Ebenen und Bereichen darum bemühen, eine Kultur der Potentialentfaltung aufzubauen.