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Zwei Schritte vorwärts: Das Bild des Lebens?

Viele laufende Menschen bei einem Rennen

Klaudia Weber auf den Spuren des Megatrends:
NEUE LEBENSSTILE


Im Gespräch mit  der Soziologin Sabine Wallner über:
Neue Rollen der Geschlechter | Gleichberechtigung

 

Ein Wettkampf als Metapher für unser reales Leben und soziale Ungleichheiten?


Kennen Sie das US-amerikanische YouTube-Video, das bisher mehr als zwei Millionen Aufrufe erzielt hat und die sozialen Ungleichheiten innerhalb von Gesellschaften in Form eines Experiments bzw. Wettkampfs auf eine sehr klare Art und Weise „veranschaulicht“?


Wir möchten es Ihnen jedenfalls (nochmals) vor Augen führen, weil es das „Bild des Lebens“ vielerorts samt Benachteiligungen sehr deutlich macht. Danach möchten wir darüber sprechen, welche Gründe dafür verantwortlich sind, dass so viele Menschen nicht "weiterkommen". Oftmals scheint das nichts mit dem eigenen Wirkkreis zu tun zu haben, sondern „äußeren Umständen" geschuldet zu sein. Welche Umstände das sind, wird Thema dieses Beitrags sein. Und auch, warum diese "äußeren Umstände" kritisch zu hinterfragen sind. Doch Schritt für Schritt.

Mach zwei Schritte vorwärts, wenn du dir nie Gedanken darüber machen musstest, wie die nächste Mahlzeit auf den Tisch kommt!

AUSZUG AUS DEM VIDEO


Männlich & weiß: die ersten beiden "äußeren Faktoren"?

Klaudia: Sabine – im Video ist eine männliche Weißei Person auf einem weiten Feld zu sehen, die versucht, zahlreiche junge Menschen zu einem Wettbewerb zu animieren. Der oder die Gewinner*in soll 100 Dollar erhalten. Beim Rennen handelt es sich allerdings um keinen „Sprint“ im klassischen Sinn, sondern nur jene Personen dürfen sich zwei Schritte vorwärtsbewegen, die bestimmte Aussagen in Bezug auf familiäre Hintergründe, Bildungsbiografien, finanzielle Verhältnisse etc. positiv beantworten können. Alle anderen müssen stehenbleiben. Als sich die „Führenden“ am Ende des Rennens umdrehen, scheint das „Bild des Lebens“ klar zu sein:

  • Viele der „Jungs“ führen vor den „Mädels“.
  • Und BIPoC (Black, Indigenous, and People of Color) sind mit großer Mehrheit im hintersten Bereich des Feldes zu stehen gekommen.

Die Lebensbilder vieler Menschen, auch in Europa, sehen ähnlich wie im Video aus und scheinen von äußeren Faktoren abzuhängen, auf die man selbst nur wenig bis gar keinen Einfluss hat – etwa auf das Geschlecht, die eigene Herkunft bzw. die Herkunft der Eltern, den Zugang zu Bildung bzw. den Bildungshintergrund der Eltern sowie physische, psychische und mentale Gesundheit.

Meine Frage nun: Woran liegt es, dass 70 Jahre nach Verabschiedung der europäischen Menschenrechtskonventionii  viele Punkte nach wie vor in der „Theorie“ steckengeblieben sind – insbesondere was Themen wie Rassismus und Diskriminierung bzw. Frauenrechte betrifft? Oder anders gefragt: Was können/sollen/müssen wir konkret tun, damit es endlich zu einer Veränderung kommen kann?

Sabine: Wir sprechen hier über ein sehr komplexes Feld. Sozialer Wandel ist leider nicht so einfach mit ein paar "praktischen" Schritten möglich. Wenn du sagst, dass die Lebenswege dieser Menschen zu einem großen Teil durch „äußere“ Faktoren bestimmt sind, dann ist das so nicht ganz richtig. Und hier liegt schon ein Problem "begraben", das angegangen werden müsste. Es sind nämlich nicht nur äußere Bedingungen, sondern vielmehr strukturell verankerte Machtstrukturen, die dieses Bild "zeichnen".

Wenn man von 'äußeren Faktoren' spricht, die den Lebensweg von Menschen beeinflussen, vermittelt man damit den Eindruck, als ob das alles aus dem 'Nichts' kommt und niemand etwas dafür kann, dass manche einfach besser dastehen als andere.

SABINE WALLNER


Strukturell verankerte Machtstrukturen privilegieren und deprivilegieren Menschen aufgrund zugeschriebener Merkmale!

Klaudia: Was genau verstehst du unter "strukturell verankerten Machtstrukturen"?

Sabine: Gesellschaften sind von hierarchischen Machtstrukturen geprägt, die in unserem Denken, unseren Handlungen, unseren Normen sowie in unseren staatlichen Strukturen und Institutionen verankert sind. Diese Machtstrukturen privilegieren und deprivilegieren Menschen aufgrund ZUGESCHRIEBENER Merkmale. Vielen Menschen ist definitiv klar, dass es aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Gender, sozialem Status, Religion etc. zu Diskriminierung kommt. Es wird aber sprachlich nicht repräsentiert, WOHER diese Diskriminierungen rühren. Abwertungen oder Benachteiligungen kommen nicht immer nur von expliziten Rassist*innen, Nationalsozialist*innen, homophoben oder frauenfeindlichen Menschen. Diskriminierung aufgrund bestimmter Merkmale ist historisch, strukturell und institutionell in der Kultur der westlichen – und das ist wichtig – WEISSEN Welt zu finden. Das heißt, auch ein Mensch, der meint, nicht rassistisch zu sein, agiert rassistisch, weil wir Weiße so sozialisiert worden sind ... weil wir in einer Welt mit rassistischen Strukturen aufgewachsen sind. 

Klaudia: Kannst du uns Beispiele dieser rassistischen Sozialisierungsformen nennen? 

Sabine: Ein konkretes Beispiel ist der Umstand, dass wir als Kinder lernen, dass der rosafarbene Stift die „Hautfarbe“ ist. Man ist sich auch kaum "bewusst", dass es Pflaster nur in der Farbe für Weißei  Menschen gibt ... oder dass SchwarzeTänzer*innen ihre Spitzenschuhe selbst einfärben müssen. Aber auch Produktnamen zeigen das Problem auf: So geht ein Aufschrei durch sämtliche Social Media-Kanäle bzw. durch die Bevölkerung, sobald bestimmte Produkte oder Logos umbenannt und umgestaltet werden sollen. Auch Racial Profiling durch polizeiliche und staatliche Strukturen ist wissenschaftlich belegt. Und Menschen mit einem „fremd“ klingenden Namen werden sowohl bei der Wohnungssuche als auch auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Die "Liste" könnte noch ewig fortgesetzt werden.

 

Mehr Reflexion, damit wir als Gesellschaft zwei Schritte weiterkommen?

Klaudia: Wo könnte "man" nun KONKRET ansetzen? Was könnten wir tun, damit wir als Gesellschaft "zwei Schritte" weiterkommen, um das "Bild des Lebens" anders aussehen zu lassen?

Sabine: Wir müssen erkennen, dass der Weißei Mensch bisher weder politisch noch gesellschaftlich den Willen aufgebracht hat, sich einzugestehen, dass es sich eben um strukturelle Bedingungen handelt, die Menschen aufgrund bestimmter Merkmale diskriminieren, während die eigenen Privilegien dadurch aufrechterhalten werden. Es geht darum, zu REFLEKTIEREN,

  • dass es erstens WIR sind, die diese Strukturen geschaffen haben und
  • dass es zweitens an UNS liegt, das anzuerkennen und zu verändern.

Stattdessen fallen gerade jetzt in Bezug auf die Black Lives Matter-Bewegung, aber auch in Debatten zu Feminismus, Armut usw. immer wieder Sätze wie: „Aber ich finde das nicht rassistisch!“, „Das hat doch nichts mit dem Geschlecht zu tun!“, „Jeder kann es schaffen, wenn er es nur will!“, „Selbst schuld, wenn sie so einen kurzen Rock trägt“ ... All diese Formulierungen haben eines gemeinsam: Sie sind maskulinistisch und "weiß" und vermitteln ein sogenanntes „Victim Blaming“.

Klaudia: Es kommt also zu einer Opfer-Täter-Umkehr und das Opfer wird beschuldigt ...

Sabine: Genau! Viele privilegierte Menschen nehmen eine Position ein, die ihnen eine Deutungshoheit verleiht. Daran wird auch nicht gezweifelt: "Es kann nicht an uns liegen, denn wir sind doch die Guten und erlassen eine Menschenrechtskonvention, erlauben homosexuellen Menschen zu heiraten, bemühen uns um Entwicklungshilfe ...".

 Wir sehen uns selbst in der überlegenen Position und nehmen uns das Recht heraus, Existenzen anzuerkennen oder eben nicht.

SABINE WALLNER

Klaudia: Würde es uns WIRKLICH interessieren, wie wir soziale Ungleichheiten verändern könnten, dann müssten wir ...?

Sabine: ... endlich unsere eigene Perspektive und Position reflektieren und danach fragen, warum eine Person etwas als rassistisch und diskriminierend empfindet. Oder wir müssten das Argument einer weiblich gelesenen Person ernst nehmen und uns die Frage stellen, ob es wirklich ihre Schuld ist, vergewaltigt zu werden, wenn sie einen kurzen Rock trägt? Oder ob es nicht vielmehr so ist, dass kein Mensch einen anderen Menschen vergewaltigen darf – egal, was diese Person trägt oder nicht trägt? Aber wir gehen von einer patriarchal geprägten, eurozentrischen und "weißen" Position aus und wollen diese nicht wirklich hinterfragen, weil das in der Konsequenz bedeuten würde, dass wir uns eingestehen müssten, dass wir wohl doch nicht so gut sind, wie wir meinen. 

Es muss endlich darum gehen, dass wir den Menschen ihre Erfahrungen mit Diskriminierung nicht absprechen. Wir müssen zuhören und es ernst nehmen, wenn sich jemand durch Aussagen oder Handlungen verletzt fühlt. Ein Beispiel dafür ist das N-Wort: Es verletzt und diskriminiert und ist rassistisch. Anstatt das jedoch anzuerkennen und die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen, wird immer noch darüber diskutiert, warum es legitim sein soll, dieses Wort dennoch zu verwenden. Das ist doch absurd!

Klaudia: Kommen wir nochmals auf das Video zu sprechen: Am Ende des Wettkampfs breitet sich Betroffenheit unter den Jugendlichen aus, zumal der "Leiter des Experiments" eine Ansprache zum Thema Privilegien hält. Danach wird das Rennen aber erst so richtig eröffnet: Alle dürfen loslaufen – allerdings von ihrem jeweiligen Standpunkt aus, der den besseren "Start ins Leben" symbolisiert. Wie siehst du das? 

Sabine: Obwohl klar ist, dass nicht alle die gleichen Chancen haben, wird das Rennen gestartet. Aber da frage ich mich: WIESO? Sportlich gesehen würde man vermutlich sagen, dass das kein "Fair Play" und daher nicht zulässig ist. Wir leben aber nicht nach olympischen Prinzipien, sondern nach den Regeln des Neoliberalismus. Diejenigen, die bestimmte Bedingungen erfüllen und weiter vorne starten, haben eben Glück gehabt und die anderen nicht. Oder? So wird es zumindest im vorherrschenden Diskurs "gesehen". Alle Menschen sind gleich und sollen die gleichen Chancen haben ...  Das klingt gut! Westliche Demokratien propagieren das auch laufend und zeigen der restlichen Welt und damit vor allem ehemaligen europäischen Kolonien, wie progressiv und liberal sie sind, indem z. B. gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen. Tatsache ist aber, dass es die westlichen Kolonialmächte waren, die Homosexualität kriminalisierten. Die Frage, die hier implizit ist und die wir uns stellen sollten, ist allerdings: Wie kommen wir dazu, anderen Menschen zu „erlauben“, wen sie lieben und heiraten dürfen?  Darüber könnten wir jetzt natürlich stundenlang diskutieren, was aber wohl den Rahmen dieses Interviews sprengen würde.

In Bezug auf das Video fällt mir Folgendes ein: Diejenigen, die aufgrund ihrer Privilegien von weiter vorne starten dürfen, könnten doch einfach stehenbleiben und damit jenen Personen, die von weiter hinten starten müssen, eine ECHTE Chance geben.

Klaudia: Und im "wahren" Leben?

Sabine: Wir könnten anfangen, den kommenden Generationen beizubringen, dass es wichtig ist, benachteiligten Gruppen aktiv zu helfen und die eigenen Vorteile manchmal zurückzustellen. Stattdessen wird ihnen beigebracht, dass zu gewinnen und zu den Besten zu gehören, alles ist, was im Leben zählt. Und dass das alles in Ordnung ist, solange man ab zu etwas spendet oder sich an gemeinnützigen Projekten beteiligt. Das bringt zudem den Vorteil, dass das Image und der Lebenslauf aufgewertet werden. Ob solche "Aktionen" tatsächlich helfen, Ungleichheit zu beseitigen, ist dabei nicht so wichtig. Einmal mehr wird dadurch unser Überlegenheitsgefühl gestärkt: "... weil sie es aus eigener Kraft wohl nicht schaffen." Die hierarchischen Strukturen werden dadurch aber reproduziert und verstärkt – und nicht aufgebrochen.

Marginalisierte Gruppen fordern und wünschen sich einfach Anerkennung und Akzeptanz sowie eine aktive Gesellschaft und Politik, die eine tatsächliche Gleichberechtigung anstrebt ... und nicht versucht, die strukturelle Überlegenheit unter dem Schleier der Großzügigkeit zu sichern.

SABINE WALLNER

Klaudia: Danke für deine Zeit, Sabine. Ich denke, wir werden noch mehrere Gespräche führen, die sich rund um das Themenfeld "Gender, Kultur und sozialer Wandel" bewegen, um hier an dieser Stelle einen kritischen Reflexionsraum entstehen zu lassen. Vielleicht bewegen wir uns zumindest EINEN Schritt weiter nach vorne.

II

HINWEISE UND ANMERKUNGEN

Weiß und Schwarz wird großgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt und keine reale "Eigenschaft", die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist. 
Mehr Infos sind hier zu finden: https://www.amnesty.de/2017/3/1/glossar-fuer-diskriminierungssensible-sprache 

ii Mit der Europäischen Menschenrechtskonvention wurde erstmals in Europa ein völkerrechtlich verbindlicher Grundrechteschutz geschaffen, der einklagbar ist. Die Europäische Menschenrechtskonvention ist damit das wichtigste Menschenrechtsübereinkommen in Europa.
Mehr Infos sind hier zu finden: https://www.menschenrechtskonvention.eu/ 


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Unsere Interviewpartnerin

Foto: Soziologin Sabine Wallner
Sabine Wallner
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Die Soziologin Sabine Wallner ist unter anderem bei in-manas als Innovationsscout tätig und spürt für uns zahlreichen Trends und Innovationen nach, die in unserem Innovationskompass abgebildet werden. Insbesondere zu den Themen "Gender, Kultur und sozialer Wandel" wird Sabine aber auch hier im Rahmen einer regelmäßig erscheinenden Blogserie zu Wort kommen.