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Wie schätzen Sie unsere wirtschaftliche Zukunft ein?

Auf den Spuren des Megatrends:
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Neue gesundheitliche Bedrohungen | Globale Wirtschafts- & Finanzkrisen


Prof. Dr. Michael Mirow mit Gedanken zur aktuellen Lage


"Wie schätzen Sie unsere wirtschaftliche Zukunft ein?" Mit dieser Frage wurde Prof. Dr. Michael Mirow durch einen seiner Studenten konfrontiert. Seine ausführliche Antwort könnte aber für uns alle interessant sein, zumal sich in letzter Zeit zunehmend Verschwörungstheorien und Horrorszenarien verbreiten. Diese haben in solchen Zeiten immer Hochkonjunktur, meint der ehemalige Chefstratege von Siemens, der zudem an zahlreichen Wirtschafts-Universitäten und -Hochschulen Lehrveranstaltungen abhält.


RANDBEMERKUNG:
Dieser Beitrag bietet "Raum"
für eigene Gedankengänge, den Sie
vielleicht nutzen möchten.


Lieber Lukas*,

Eine solche kollektive und nahezu weltweite Vollbremsung des größten Teiles aller wirtschaftlichen Aktivitäten hat es noch nie gegeben und wird auf jeden Fall gravierende Auswirkungen haben. Es gibt aus mehr oder weniger berufenem Munde Szenarien aller Art, wie es weiter gehen könnte. Diese reichen

  • vom totalen Crash mit Hyperinflation, Währungsreform, Massenarbeitslosigkeit und sozialen Unruhen
  • bis hin zu “Das kriegen wir schon hin – zwar mit einer deutlichen Rezession in diesem Jahr, dann aber kommt es zu einer relativ schnellen Erholung.” 

Was wirklich geschehen wird, weiß keiner. Katastrophenszenarien in Verbindung mit Theorien zu Verschwörungen "finsterer Mächte" haben in solchen Zeiten immer Hochkonjunktur.
 


Eine Reihe von Prämissen



Jedes Modell muss eine Reihe von Prämissen berücksichtigen wie zum Beispiel:

  • Wie lange dauert der Lockdown und für welche Branchen wird er früher/später aufgehoben werden?
  • Wie werden die Verbraucher in den nächsten Monaten reagieren: Kaufzurückhaltung auf viele Monate oder Nachholeffekte?
  • Wie wirksam sind die massiven Unterstützungsprogramme der Regierungen?
  • Wie können die globalen Lieferketten wieder zum Funktionieren kommen? Wie lange dauert das? Welche Länder sind involviert?
  • Wie lange dauern die nationalen Abschottungen?
  • Die stillgelegten Teile der Wirtschaft werden zurzeit von der Regierung am Leben gehalten. Wie reagiert das Wirtschaftssystem auf diese ungeheure Ausweitung der Geldmenge? Inflation? Hyperinflation? (Die Gefahr ist gegeben, wenn dem vielen Geld, das jetzt in den Kreislauf gepumpt wird, nicht genug Ware gegenübersteht. Wir erleben das gerade mit explodierenden Preisen für z.B. Atemmasken, Beatmungsgeräte, Desinfektionsmittel oder auch Klopapier und Hefe).
  • Damit die Staatshaushalte nicht völlig aus dem Ruder laufen, werden die Regierungen alles daransetzen, die Zinsen für diese Schulden so niedrig wie möglich zu halten. Wie reagieren die Sparer, wenn sie bei steigender Inflation und niedrigen Zinsen massenhaft „enteignet“ werden?


"ZWISCHENRAUM"
FÜR EIGENE GEDANKENGÄNGE

 

  • Welche Instrumente bleiben den Zentralbanken noch, wenn die Inflation überhandnimmt?
  • Wie können die Schulden – und vor allem in welchen Zeiträumen – getilgt werden?
  • Wie weit gelingt es (und in welchen Ländern/Regionen) politische Spannungen und Unruhen zu vermeiden? Man denke nur an die zig Millionen Arbeitslosen in den USA, an den Brexit in Kombination mit Corona in Großbritannien, an die Probleme in Italien und Spanien oder an all das, was in der Südhälfte unseres Globus vielleicht noch droht.
  • Können die jeweiligen Sozialsysteme das alles abfedern? Wie soll das bezahlt werden?
  • Was fällt den vielen hunderttausend Unternehmern ein, wenn es ums Überleben geht? Worauf richten sie ihren Fokus? Werden sie erfolgreich sein?
  • Welche Rolle wird der Staat in dem "Nach-Corona-System" spielen? Wird er sich wieder zurücknehmen? (Hoffentlich! Staaten sind nie gute Unternehmer gewesen!)

Es wäre jedenfalls gut zu wissen, von welchen Prämissen vor allem die selbsternannten "Untergangs-Gurus" bei ihren Prognosen ausgehen. Ich für meinen Teil halte mich lieber an die Aussagen kompetenter Wirtschaftsinstitute.

MICHAEL MIROW

Die Liste dieser Fragen ließe sich noch beliebig fortsetzen. Es wäre jedenfalls gut zu wissen, von welchen Prämissen vor allem die selbsternannten "Untergangs-Gurus" bei ihren Prognosen ausgehen. Ich für meinen Teil halte mich lieber an die Aussagen kompetenter Wirtschaftsinstitute. Hier sitzen Fachleute, die auch Erfahrung mit komplexen Simulationsmodellen haben. Nicht umsonst heißt es "Wirtschafts-WISSENSCHAFT". Aber: Selbst die Fachleute WISSEN es nicht! Zu komplex ist das System, zu vielfältig die Prämissen, zu undurchsichtig die Interessenlage und – last but not least – auch das Temperament der handelnden Personen. Zählen sie eher zu den Optimisten oder Pessimisten? Das alles beeinflusst die Auswahl der Prämissen, mit denen gerechnet wird.

Insgesamt teile ich die (oft marktfeilen) Horrorszenarien nicht. Dazu bin ich in meiner Grundveranlagung zu optimistisch. Ich gehe allerdings kurzfristig auch von einer starken Rezession aus, die wir alle spüren werden – und zwar in Form von Einkommens- und Vermögenverlusten bis hin zum Verlust von Arbeitsplätzen. Wie lange das andauert? Wir wissen es nicht. Dabei kann ich nur hoffen, dass es gelingt, die soziale Balance innerhalb der einzelnen Länder und vor allem auch innerhalb Europas zu wahren. Das ist meiner Meinung nach noch schwieriger als die wirtschaftliche Situation in den Griff zu bekommen. 

Dieses System ist aufgrund seiner Komplexität in seinem Verhalten letztlich nicht prognostizierbar. Es wird sich selbst organisieren. 

MICHAEL MIROW

Ich glaube auch nicht, dass es angesichts der Komplexität dieses Themas irgendjemanden gibt, der eine fundierte, glaubhafte und dem späteren Härtetest der Realität standhaltende Prognose erstellen kann. Natürlich wird es hinterher immer jemanden geben, der dann sagen kann “Seht ihr, ich habe es ja gewusst!!” Dabei hat "dieser jemand" aber auch letztlich nur gewürfelt und zufällig das (im Nachhinein) richtige Ergebnis getroffen. Auf die allgemeine Ebene der von mir schon oft zitierten “Systemtheorie” (in-sights 1- 3**) gebracht:

Dieses System ist aufgrund seiner Komplexität in seinem Verhalten letztlich nicht prognostizierbar. Es wird sich selbst organisieren. Und wo es landet, wissen wir nicht. Das  macht es aber ja gerade so spannend. Einer meiner sehr verehrten Hochschullehrer (der Mechanik-Professor und Musiker Prof. Dr. Ing. Karl Marguerre) sagte gerne (und zwar immer dann, wenn er sich mit einer schwierigen Schwingungsgleichung an der Tafel in eine Sackgasse gerechnet hatte): “Das Leben wird ja überhaupt erst interessant, wenn man nicht genau weiß, wie es weiter geht – sonst wäre es ja langweilig!”

In diesem Sinne – davon bin ich überzeugt – wird uns noch lange nicht "langweilig" werden. Es gibt viel zu tun – auch wenn wir nicht genau wissen, wie es weiter geht. 

 

Beste Grüße,


Michael Mirow

II

"ABSCHLUSS-RAUM"
FÜR EIGENE GEDANKENGÄNGE

 


*) Der Name des Studenten wurde geändert.

**) Zu den im Beitrag erwähnten in-sights 1-3 gelangen Sie hier:

 


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Der Autor

Foto: Michael Mirow
Michael Mirow
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Professor Michael Mirow war in der Siemens AG für die Gestaltung der Planungs- und Führungssysteme sowie die Formulierung und erfolgreiche Umsetzung der Unternehmensstrategien verantwortlich. In einer Reihe von Kurzbeiträgen gibt er regelmäßig "in-sights", die Ansätze aus dem systemischen Denken mit seiner langjährigen Erfahrung verbinden.