Martin Korte: Wege aus dem Schwarz-Weiß-Denken

Drei Männer mit Denkwolke in Schwarz-Weiiß

in-manas auf den Spuren von Innovationen rund um den Megatrend „Vernetztes Leben & Soziale Netzwerke“

Wie scharfkantige, geradlinige Kategoriegrenzen zu weichen „Sandausbuchtungen“ werden könnten


Wir Menschen haben die Tendenz, zu sehr in Schwarz-Weiß-Mustern zu denken. Prinzipiell ist das Denken in Kategorien zwar sinnvoll, meint Universitätsprofessor Dr. Martin Korte, Gehirnforscher an der TU Braunschweig. Andernfalls würden wir in einem endlos differenzierten Datenmeer ertrinken. Doch häufig fällt die Beurteilung unserer komplexen Welt mit binären Sichtweisen zu einfach aus. Und leider befeuern digitale Medien und soziale Netzwerke dieses vereinfachte Denken zusätzlich. Man denke nur an die „richtungsweisenden“ Daumen nach oben oder unten. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit bestimmten Themen findet kaum statt. Wie es gelingen kann, zwischen dem Schwarz-Weiß mehr Grautöne wahrzunehmen, und was Sandkörner mit Grenzen zu tun haben, erfahren Sie in diesem Interview. 


Wenn man alles ewig weiter unterteilt, bis zum einzelnen 'Sandkorn', gelangt man nie vom Denken zum Handeln. 

in-manas: Herr Professor Korte, warum müssen wir in vereinfachenden Kategorien denken? Weshalb ist aus evolutionärer Sicht eine „Analyse“ – ein Zerlegen bis ins kleinste Detail – nicht alltagstauglich?

Martin Korte: Wenn man alles ewig weiter unterteilt, bis zum einzelnen „Sandkorn“, gelangt man nie vom Denken zum Handeln. Gemeint ist, dass wir uns fragen könnten, wann eigentlich aus wenigen Sandkörnern ein Sandhaufen wird, wann aus einem wahllosen Muster ein Trend. Wir müssen hier Grenzen ziehen, auch wenn jeder einzelne Schritt nicht viel verändert.

Aber um auf die eigentliche Frage zurückzukommen: Aus prähistorischer Sicht war es überlebenswichtig, die von uns wahrgenommene Umwelt in einfache Kategorien einzuteilen, um eine schnelle Gefahreneinschätzung vornehmen zu können. Doch so nützlich „Schubladen“ mit klaren Linien und scharfen Kanten auch heute noch sind, um zum Beispiel eine giftige Schlange nicht mit einem krummen Stock zu verwechseln, so stellt diese Art des starren, holzschnittartigen Denkens in einer zunehmend komplexer werdenden Welt ein Problem dar. Die evolutionäre Lösung war dann die Erfindung des Bewusstseins. Denn damit konnten die Menschen in Gedanken Dinge ausprobieren, ohne dabei das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Mit einem Bewusstsein ausgestattet, das uns ein Reflektieren ermöglicht, sind wir Menschen prinzipiell auch in der Lage, bestehende Kategorien neu zu bewerten und deren Grenzen aufzuweichen.

in-manas: Nun hat man aber den Eindruck, dass insbesondere digital konsumierte Informationen – beispielsweise in den sozialen Medien – oft einem sehr schnellen, unreflektierten Urteil unterzogen werden und dass dort ein Denken in Schwarz-Weiß durch entsprechende Reaktionsmöglichkeiten erst so richtig befeuert wird. Welche Ursachen sehen Sie dafür? Mit Überleben hat die „Daumen-nach-oben-Daumen-nach-unten-Mentalität“ nicht viel zu tun, oder?

Es herrscht das informationelle Gesetz des Dschungels, und damit eine Nachricht oder eine Meinung diesen Dschungel durchdringen kann, muss sie so klar, so schwarz oder weiß wie möglich sein.

Martin Korte: Binäre Denkmuster machen es uns auch in der heutigen Zeit leichter, unsere Wahrnehmung zu ordnen, zumal wir heutzutage innerhalb von 24 Stunden so viele Informationen aufnehmen wie die Menschen im ländlichen mittelalterlichen Deutschland während ihres gesamten Lebens. Der Vorteil der vereinfachenden Denkmuster ist vergleichbar mit der Zerkleinerung von Essen in mundgerechte Happen. Wir brauchen also nach wie vor vereinfachende Kategorien und Grenzen, die für Ordnung sorgen und die Informationsflut „verdaulich“ machen. In unseren Gehirnen herrscht sozusagen das informationelle Gesetz des Dschungels, und damit eine Nachricht oder eine Meinung diesen Dschungel durchdringen kann, muss sie so klar, so schwarz oder weiß wie möglich sein. Dadurch werden wir allerdings anfällig für Populismus und Fake News, und im Ergebnis werden zahlreiche Debatten oft sehr hitzig geführt. WAS im Einzelnen gesagt und gepostet wird, spielt dabei häufig eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, WER etwas sagt – ganz nach dem Motto: „Von wo sprichst du, Genosse?“

in-manas: Wir teilen unsere Welt also der Einfachheit halber in ein wohlgeordnetes, gedankliches Schachbrett aus schwarzen und weißen Feldern ein. Wie können wir wieder mehr Graunuancen und damit ein differenziertes Urteilsvermögen in unser Denken bringen?

Martin Korte: Um bei der Farbenanalogie zu bleiben: Wir ordnen ja auch bestimmte Wellenlängen bestimmten Farben zu, obwohl unser Farbspektrum aus einem Kontinuum an Wellenlängen besteht. Diese Einteilung in konkrete Farben erfolgt durch unser Gehirn. Und jetzt kommt das eigentlich Interessante: Das, was wir an unterschiedlichen Farben wahrnehmen, hängt auch davon ab, wie viele Namen eine Sprache für Farben hat. Das heißt also nicht nur, dass wir Farben sehen und diese benennen, sondern das heißt umgekehrt auch, dass wir zu einem gewissen Grad nur das sehen, was wir auch benennen können. Unsere Sprache beeinflusst also unsere Wahrnehmung und auch wie differenziert wir denken. Daraus folgt auch, dass wir vorsichtig damit sein sollten, zu einfache Kategorien und Bezeichnungen zu finden. So gibt es beispielsweise eben nicht nur die monolithische Gruppe der „Geimpften“ neben der der „Ungeimpften“. Hier muss man also feiner differenzieren, um im Gespräch zu bleiben.

Das, was wir an unterschiedlichen Farben wahrnehmen, hängt auch davon ab, wie viele Namen eine Sprache für Farben hat. Das heißt (...) auch, dass wir zu einem gewissen Grad nur das sehen, was wir auch benennen können.

in-manas: Vielleicht kommen wir nochmal auf das eingangs erwähnte Sandkorn zu sprechen: Ein Zerlegen bis aufs kleine Sandkorn hindert uns daran, vom Denken ins Handeln zu gelangen, haben Sie gesagt. Ein zu grober Detaillierungsgrad – ein Denken in wenigen, vereinfachenden Kategorien – birgt wiederum die Gefahr, dass wir zu schnell zu einem undifferenzierten (Fehl-)Urteil gelangen. Welcher Annäherungsweg könnte hier sinnvoll sein?

Martin Korte: Vielleicht wäre ein Denken in Sandhaufen eine adäquate Größenordnung und ein gutes Bild zur Veranschaulichung. Auch wenn es keine korngenaue Trennung gibt, an der aus einem Häufchen ein Haufen wird, können wir sehr wohl zwischen beiden unterscheiden. Aber der springende Punkt in diesem Bild ist folgender: Wo verläuft die Grenze zwischen den Sandkörnern, die mal nebeneinander, mal übereinander – also haufenförmig – liegen?  

in-manas: Das heißt, nicht nur der Detaillierungsgrad von Informationen spielt bei der Meinungs- und Kategorienbildung eine Rolle, sondern auch die Art und Weise, wie sie zueinander stehen? 

Martin Korte: Richtig. Und oft ist es so, dass äußere Einflüsse – eine Welle oder ein Windstoß – den soeben gebildeten Sandhaufen wieder verformen und uns etwas völlig Neues sehen lassen. Leider gibt es in Zeiten wie diesen massenhaft Einflüsse, die uns dazu zwingen, unsere Welt mit neuen Augen zu betrachten. Die jüngsten Ereignisse in der Ukraine sind nur ein weiteres Beispiel dafür, wie schnell wir mit unseren vereinfachenden Denkmodellen an Grenzen stoßen und ein neues Denken an den Tag legen müssen. Ein Denken in Schwarz-Weiß hilft uns hier nicht weiter – ohne hierbei die Grenzen zwischen Unrecht und Recht, Völkerrecht und Unmenschlichkeit zu verwischen. Aber wir brauchen auch Lösungen, nicht nur Urteile.

in-manas: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Professor Korte! 

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