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Kann man Sinn "machen"? Ähnlich wie einen Kuchen?

Der Philosoph und Theologe Clemens Sedmak über erfolglose Sinn-Rezepte und sinnvolle Erfolgsrezepte

Klaudia Weber und Franz Bailom im Gespräch mit Clemens Sedmak


So vielfältig Arbeit sein kann, so komplex ist die Frage nach ihrem Sinn. Natürlich kann jede Institution ihren Mitarbeitern zum Beispiel über das Wertesystem einen entsprechenden Rahmen und eine sinnstiftende „Unternehmung“ bieten. Aber kann man Sinn „machen“? Ähnlich wie ein Bäcker einen Kuchen macht? Und falls ja, welche „sinnvollen“ Erfolgsrezepte gibt es dafür? Wie sieht der Philosoph und Theologe Clemens Sedmak die Sinnfrage im Zusammenhang mit Arbeit und Führung? Wir trafen uns mit ihm in Salzburg und erfuhren dabei, dass weder Unternehmen noch Arbeit Sinn "machen" können.


Die Wortkombination „Sinn machen“ ist falsch und irreführend!

Clemens Sedmak: Mit der Wortkombination „Sinn machen“ wird suggeriert, dass Sinn hergestellt und fabriziert werden kann. Sinn „machen“ klingt tatsächlich wie „Kuchen machen“. Wenn Sie aber einen Kuchen machen, gibt es dafür ein Rezept und bestimmte Zutaten. Es werden bestimmte Tätigkeiten, wie zum Beispiel Teigrühren, ausgeführt und am Ende hat man ein Produkt: den Kuchen. Für die Herstellung von SINN gibt es aber kein Rezept. Darüber muss man sich im Klaren sein. Somit kann weder ein Unternehmen, noch Arbeit Sinn MACHEN.

Sie können aber als Unternehmen oder Person Sinn GEBEN bzw. Sinn FINDEN. Das heißt: Beim „Sinngeben“ kann man versuchen, einen Zusammenhang zu schaffen, in dem etwas Wert oder Sinn BEKOMMT. Was man als Unternehmer folglich tun kann, ist, den Menschen den Glauben an ein sinnvolles Produkt zu ermöglichen bzw. zu vermitteln.

Und es gibt ja auch viele unternehmerisch tätige Menschen, die auf die Bedürfnisse von Menschen „antworten“, wie zum Beispiel Manfred Sauer, jener deutsche Unternehmer, der seit einem Unfall als selbst Betroffener Mode für Menschen entwickelt, die auf den Rollstuhl angewiesen sind. Er bietet Produkte an, um eine Zielgruppe zu bedienen, deren Bedürfnisse offensichtlich vom Markt nicht oder zu wenig wahrgenommen wurden. Dazu muss man wissen: Menschen in einem Rollstuhl benötigen speziell geschnittene Bekleidung, weil sie den ganzen Tag sitzen müssen. Jede falsch sitzende Naht kann hier ein Problem darstellen. Auch Dinge wie Beinwärmer, Regencapes und Thermodecken sind für Rollstuhlfahrer interessant. Das sind sinnvolle Produkte, Produkte, die „Antworten auf Fragen“ geben, sozusagen „responsive“ Produkte. Hier gäbe es noch unzählige Themen, derer man sich annehmen könnte – Stichwort Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit … und … und … und. Man muss auch nicht zwangsläufig selbst von einem Problem betroffen sein wie Manfred Sauer, um einen konkreten Handlungsbedarf zu erkennen.

Es geht um den sozialen Nutzen von Arbeit … und darum, wie die Arbeit zu den Fähigkeiten und Begabungen der Menschen passt

Clemens Sedmak: Was Menschen bestärken kann, ihre Arbeit als „sinnvoll“ zu empfinden, ist neben dem sozialen Nutzen – also neben dem „Antwortwert“ des Produkts - auch die „Passgenauigkeit“, die „Persönlichkeit“ der Arbeit. Es geht also darum, dass die Arbeit zu mir PASST, meinen Fähigkeiten entspricht und vielleicht in dieser Weise nur von mir ausgefüllt werden kann. Auch hier haben Unternehmer Spielraum, um darauf zu achten, dass Tätigkeiten und Mitarbeiter gut aufeinander abgeglichen werden – wie es Ignatius von Loyola[i] einmal sagte: dafür Sorge zu tragen, dass die Aufgabe zu Fähigkeiten, Begabung, Neigung und Kraft der Mitarbeiter passt.

Kennen Sie das Buch vom Dalai-Lama und von Howard Cutler: „The Art of Happiness at Work“? Howard Cutler ist ein amerikanischer Psychologe und Psychotherapeut, der einige Bücher zusammen mit dem Dalai-Lama veröffentlicht hat, in denen er ihm Fragen zu verschiedenen Themen stellte. Der Dalai-Lama war auch in diesem Fall sehr bemüht, geduldig Antworten zu geben. Zwar hatte er noch nie in seinem Leben Fließbandarbeit verrichtet – wie man sich vorstellen kann –, trotzdem hat er sich Gedanken darüber gemacht, wie er z. B. diese Tätigkeit als Buddhist verrichten würde. „Wenn die Arbeit, die du machst, monoton ist, dann versuche den Punkt zu finden, den du GESTALTEN kannst!“ Der Dalai-Lama veranschaulichte dies an einigen Beispielen: „Ich würde mir jeden Tag ein Projekt suchen, wie zum Beispiel: Wenn es eine schlecht gelaunte Empfangsdame gäbe, würde ich versuchen, ihr ein Lächeln zu entlocken. Oder: Wenn es einen Kollegen gäbe, mit dem niemand in der Pause spricht, würde ich mich in der nächsten Pause zu ihm setzen!“

Man kann sein eigenes Tun in einem sinnstiftenden Zusammenhang sehen

Clemens Sedmak: Die Botschaft ist also: Es geht gar nicht so sehr darum, WAS du machst, wie darum, WIE du das machst, was du tust: „Omnia communia, sed non communiter – alles Gewöhnliche, aber nicht gewöhnlich.“ Für Führungskräfte heißt das: Es geht darum, zu VERMITTELN, dass die Gesinnung eine große Bedeutung für Zufriedenheit und Performance hat. Hier spielt die Wertschätzung seitens der Führungskräfte eine zentrale Rolle, denn nur so können Mitarbeiter den Wert ihrer Arbeit erkennen und eine entsprechende Einstellung entwickeln. Dazu gibt es eine schöne Geschichte von Charles Péguy[ii], die recht bekannt ist:

Ein Mann kommt an drei Steinklopfern vorbei, die am Bau einer Kathedrale beteiligt sind, und er fragt den ersten: „Was machst du?“ Dieser antwortet: „Ich muss den Stein behauen und das ist sehr anstrengend. Lass mich also in Ruhe, ich muss meinen Atem sparen!“ Der Mann geht weiter und fragt den zweiten: „Was machst du?“ Die Antwort lautet: „Ich ernähre meine Familie!“ Das klang schon etwas besser. Der Mann geht weiter und fragt den dritten Steinklopfer: „Was machst du?“ Und dieser antwortet: „Ich baue eine Kathedrale!“

Es geht hier also um das FRAMING – darum, einen großen Rahmen zu geben, sein eigenes Tun in einen größeren, sinnstiftenden Zusammenhang einzubetten.[iii]

II

 

QUELLEN UND MEHR:

[i] Ignatius von Loyola (1491 —1556), wichtigster Mitbegründer und Gestalter des Jesuitenordens.

[ii] Charles Péguy (1873 —1914), französischer Schriftsteller.

[iii] HINWEIS: Das Interview ist in seiner gesamten Länge der Zeitschrift IMP Perspectives, Ausgabe 4 zu entnehmen: Weber, K.; Anschober, M. (2012/13). Die Philosophie des Führens. Oder: Warum Führung keine Kunst oder Wissenschaft ist, sondern eine Philosophie und Haltung. IMP Perspectives 4, Leadership-Logiken der Zukunft: Macht.Führung.Sinn. (S.49-59)

 


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Clemens Sedmak
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Der österreichische Theologe und Philosoph ist ein vielbeschäftigter Mann: Er ist Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg sowie des wissenschaftlichen Beirats des internationalen Forschungszentrums für soziale und ethische Fragen - ebenfalls in Salzburg. Seit 2018 ist er als Professor an der Keough School of Global Affairs der University of Notre Dame in den USA tätig. Immer dann, wenn er gerade "greifbar" ist, erhalten wir wertvolle in-sights in sein Denken.