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Polis 4.0: Roboter als moderne Sklaven?

Klaudia Weber und Franz Bailom im Gespräch mit dem Philosophen Konrad Paul Liessmann
 

Was wir von den Menschen der Antike lernen können


Die Produktionsmaschinen der Zukunft sind mit Prozessoren, Sensoren und Funkverbindungen ausgestattet. Sie kommunizieren nicht nur untereinander, sondern vor allem auch mit den Produkten, die sie herstellen sollen. Sie sind selbstorganisiert, optimieren Abläufe, überprüfen Lagerbestände und Produktionsstände, bestellen eigenständig nach und rüsten um. Auch auf Störungen und Ausfälle reagieren sie rasch und kompetent. Das hat durchaus Vorteile: eine starke Individualisierung der Produkte unter den Bedingungen einer hochflexibilisierten Produktion. Kundenwünsche können rascher umgesetzt und selbst kleine Produktionsmengen oder gar Einzelstücke kostengünstig produziert werden.


Doch was heißt das für uns Menschen? Denn in einer Fabrik voller intelligenter Roboter, die zusehends auch von sich selbst lernen, wird eines wohl bald nicht mehr gebraucht werden: der Mensch. Ein Grund, sich zu fürchten?

Nein, meint Professor Konrad Paul Liessmann, indem er seine Gedanken mit uns "laut" teilt.

Die Menschheit hat immer schon nach Wegen gesucht, um nicht selbst arbeiten zu müssen!

Konrad Paul Liessmann

K.P. Liessmann: Früher ließ man andere für sich arbeiten: Das waren die Sklaven und Lasttiere. Heute sind es entsprechende Technologien, Maschinen und Roboter. Eigentlich ist es deshalb erstaunlich, dass wir es zunehmend als bedrohlich empfinden, dass uns Maschinen Arbeit abnehmen. Deswegen haben wir sie doch erfunden! Und je intelligenter diese Maschinen sind, desto besser können sie uns auch komplexe, anstrengende, eintönige oder langweilige Arbeiten abnehmen.

Tatsache ist aber: Sobald die „Entlastung“ in den Bereich der GEISTIGEN Arbeit fällt, taucht sofort die Frage auf: „Werden wir Menschen überflüssig? Werden wir von einer künstlichen Intelligenz abgelöst?“ Dabei muss man sich aber Folgendes vor Augen führen: Auch wenn die Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz sehr stark voranschreitet, ist der Mensch nach wie vor der letzte Adressat. Denn die Roboter, die in Zukunft iPhones zusammenbauen werden, machen das für UNS. Roboter brauchen keine Handys. Und jene intelligenten Pflegeroboter, die anstelle eines menschlichen Pflegers eingesetzt werden, pflegen MENSCHEN – und keine Roboter.

Solange wir also die letzten Adressaten von Automatisierungs­ und Technisierungsprozessen sind, müssen wir uns in Wahrheit nur folgende Frage stellen: Wenn all diese Arbeiten von Maschinen geleistet werden – was fängt der Mensch dann mit seiner „übrigen“ Zeit an? Und weiter gedacht: Welche gesellschaftlichen Konsequenzen haben diese Entwicklungen? Denn selbst wenn der Mensch der letzte Adressat und somit „Konsument“ bleibt, kommt zangsläufig die Diskussion rund um das bedigungslose Grundeinkommen ins Spiel.

Arbeit ist etwas Menschenunwürdiges! Lassen wir sie doch von den Maschinen ausführen!

Konrad Paul Liessmann

K.P. Liessmann: Denn wenn jene Firmen, die künftig ihre Mobiltelefone von ROBOTERN herstellen lassen, einen Gewinn machen, muss dieser Gewinn auch anders verteilt werden: nämlich an diejenigen, die ihre Arbeit verloren haben und auch keine andere mehr finden werden, weil Automatisierung und Technisierung immer weiter um sich greifen werden.

Eine dringliche Frage lautet daher: Warum sollte nur menschliche Arbeitskraft besteuert werden, maschinelle hingegen nicht? Ich bin der Meinung: Es führt kein Weg an der „Maschinensteuer“ vorbei. Die „Früchte“ von Produktivitätsfortschritten, die durch Technik erzeugt worden sind, müssten an alle verteilt werden. Andernfalls „verhungern“ wir und soziale Spannungen sind unausweichlich. Denn auch unter den „Experten“ herrscht keine einheitliche Meinung darüber, ob die Schaffung neuer Arbeitsplätze für jene arbeitslosen Menschen, die durch Technologien „ersetzt“ wurden, wiederum durch innovative Technologien erfolgen kann.

Das heißt also: Wenn intelligente Systeme zunehmend den Arzt, den Dolmetscher, den Lehrer, den Wissenschaftler, den Juristen, ja sogar den Programmierer ersetzen (weil sich Maschinen in der dritten oder vierten Generation bereits selbst programmieren und reproduzieren werden), muss man sich die Frage stellen: Was tun Menschen, die keine Arbeit mehr haben? Und hier könnte man jene Lebensmodelle einer antiken Vergangenheit näher betrachten, die zeigen, dass man auch ohne Arbeit wunderbar leben kann. Damals sagte man sich: „Die Arbeit machen die Sklaven!“ Wenn wir heute dieses Selbstbewusstsein hätten, das der freie Bürger einer antiken Polis an den Tag legte, würden wir uns sagen:  Arbeit ist etwas Menschenunwürdiges! Lassen wir sie doch von den Maschinen oder digitalen Assistenten ausführen!


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K.P. Liessmann: Stattdessen könnten wir das tun, was Maschinen NICHT tun können: mit anderen Menschen kommunizieren und uns mit ihnen auseinandersetzen. Ein Beispiel, das das Gesagte vielleicht untermauert:

Bekanntlich war es ja für viele Menschen eine große Tragödie, als im Jahre 1996 der erste Computer den Schachweltmeister geschlagen hat. Eine Maschine (!) spielte besser Schach als Garri Kasparow! Interessanterweise hat diese Tatsache keinen einzigen Schachspieler vom Schachspielen abgehalten. Mittlerweile WISSEN wir: Kein Schachspieler der Welt hat eine Chance gegen diese Art von Maschinen. Das hatte aber lediglich zur Folge, dass uns die Maschinen nicht mehr interessieren. Heutzutage könnte sich jeder eine Schach-App herunterladen, die einen täglich besiegt. Das tun wir aber nicht. Warum nicht? Wir wollen mit unseren Freunden oder Kindern Schach spielen, im Sportverein oder Schachclub. Wir spielen also nach wie vor Schach – aber mit MENSCHEN. Also kann man zwar intelligente Systeme entwickeln, die bestimmte Tätigkeiten besser können als wir Menschen. Aber:  Solange es sich dabei um Tätigkeiten handelt, die zwischen Menschen durchgeführt werden und Freude (!) bereiten, werden wir diese Tätigkeiten auch ausführen …

Bestimmte Tätigkeiten werden schlicht und ergreifend deswegen wieder an Wert gewinnen, weil sie nicht ausgeführt werden müssen.

Konrad Paul Liessmann

K.P. Liessmann: Ich halte es daher für einen Grunddenkfehler, zu glauben, nur weil ein System etwas besser kann, muss der Mensch die Freude daran verlieren. Ganz im Gegenteil! Auch Arbeit kann Spaß machen. Was heißt das nun aber ganz allgemein für die Arbeit?

Das Interessante bei derartigen Entwicklungen ist, dass die Arbeit vom Fluch zu einer selbstbestimmten Tätigkeit wird, sobald man sie nicht mehr machen MUSS. In einer hoch technisierten Landwirtschaft – zum Beispiel – müsste niemand mehr selbst Obst oder Gemüse anbauen. Doch gerade das tun immer mehr Menschen. Und zwar nicht, weil sie Hunger leiden oder sich in einer Notsituation befinden. Sondern weil sie sich sagen: „Mir schmeckt Selbstangebautes besser und deswegen betreibe ich auf meinem kleinen Balkon ‚Urban Gardening‘!“ Dieses Konzept setzt aber voraus, dass diese Tätigkeit nicht mehr als Lohnarbeit klassifiziert wird.

Wir wissen, dass Maschinen sehr viele unserer Grundbedürfnisse befriedigen können. Aber es wird uns trotzdem Spaß machen, manches selbst zu tun. Das Handwerk wird also nicht aussterben. Denn: Bestimmte Dinge sind einfach anders, wenn sie vom Menschen gemacht werden. Und auf dieses „Andere“ legen Menschen wieder zunehmend Wert. Niemand ist verpflichtet, Urban Gardening zu betreiben. Denn jeder kann sich sein Obst im Supermarkt kaufen. Aber manche tun es TROTZDEM. Und dieses Beispiel ist nur eines von vielen. Bestimmte Tätigkeiten werden deswegen wieder an Wert gewinnen, weil sie nicht ausgeführt werden müssen (!).

Ich denke also, dass in einer Gesellschaft, in der unsere Bedürfnisse zunehmend durch automatisierte Arbeit von Maschinen befriedigt werden können, sich jene Tätigkeitsfelder, die die Menschen dann wahrnehmen möchten, einfach „neu ausdifferenzieren“ werden. Und wir könnten dann frei sein für Dinge, die uns als Menschen angemessen sind. Verantwortungslos wäre es aber, Menschen in einen Wettkampf mit den Maschinen zu schicken. [1]


II


ÜBRIGENS:
 Wir haben "moderne Sklaven" für Ihre Strategiearbeit erfunden

Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, dann tauchen Sie doch einfach in unsere "Welt" der digitalen Management-Assistenten ein.
 

zu den vier Assistenten

 


 

QUELLEN UND LESETIPPS

[1] Das Interview ist in seiner gesamten Länge der Zeitschrift IMP Perspectives, Ausgabe 6 zu entnehmen: Weber, K., Bailom, F. (2015). IMP Perspectives 6, Wachstum durch Differenzierung. Besser? Anders? Besser ganz anders? (S. 139-143) 

Unser Interview-Partner

Konrad Paul Liessmann
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Der österreichische Philosoph, Essayist und Kulturpublizist Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann steht uns regelmäßig für aktuelle Fragen und Diskurse bzw. für gesellschaftspolitische Themen zur Verfügung.