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Mehr nachhaltige Strategien sind gefordert!

Klaudia Weber & Alexander Ettinger auf den Spuren des Megatrends: 
ENERGIE, KLIMAWANDEL & NACHHALTIGKEIT


Im Gespräch mit Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung.

Barbara Unmüßig über gute Gründe, warum das "reine" Gerede über wirtschaftliche und ökologische Effizienz endlich aufhören muss 


Seit Jahrzehnten gibt es viele Debatten rund um die Themenfelder der Endlichkeit von Ressourcen und der wirtschaftlichen Effizienz. Ideen und theoretische Konzepte existieren viele - allein an der Umsetzung scheiterte es bislang: zumindest „großflächig“. Über diese Tatsache kann auch unser effizienztechnologischer Fortschritt nicht hinwegtäuschen. Denn dieser sogenannte „Fortschritt“ wird vom enormen Ausmaß unseres Ressourcenverbrauchs wieder aufgefressen. Sind wir Gefangene unserer kapitalistischen Produktionsweisen? Wie können bereits existierende und kluge Lösungsansätze endlich den Weg „raus aus der Nische“ finden? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Barbara Unmüssig – deutsche Politikerin, NGO-Aktivistin, Publizistin und Vorstandsmitglied der Heinrich Böll-Stiftung – schon seit Jahrzehnten. Nur: Langsam, aber sicher wird sie ungeduldig – zu Recht …


Theoretisch wirtschaften wir schon lange ökologisch!

 BARBARA UMMÜSSIG

Barbara Unmüßig: Einige Ökonomen beschäftigen sich bereits lange mit theoretischen Ansätzen für ein ökologisches Wirtschaften. Sie suchen Antworten auf Fragen wie diese:

  • Wie kann eine Steady­ State-Ökonomie organisiert werden - eine Wirtschaft, die auf einem optimalen Niveau nicht mehr wächst, sondern sich auf einem nachhaltigen Konsumniveau weiterentwickelt?
  • Wie funktioniert eine echte Kreislaufwirtschaft, sodass Stoffe und wertvolle Ressourcen nicht mehr neu eingespeist werden müssen?
  • Was können wir von der Natur lernen?

Es geht also um die Frage der Wiederverwertung und Wiederaufbereitung. Und es geht um eine effiziente Energienutzung. Hier gibt es bereits tolle Ansätze, etwa das Cradle-to­-cradle­-Konzept: Die Idee des „Von der Wiege in die Wiege“ grenzt sich in dieser Form vom industriekapitalistischen Gedanken des „Cradle to grave“ –„Von der Wiege ins Grab“ – ab.


RANDBEMERKUNG
Cradle to Cradle


Das Cradle-to-cradle-Konzept beschreibt eine Kreislaufwirtschaft in Form einer zyklischen Ressourcennutzung. In Anlehnung an den Nährstoff-Kreislauf der Natur, in dem „Abfälle“ eines Organismus von einem anderen genutzt werden, sollen in der Produktion Materialströme so geplant werden, dass Abfälle und eine ineffiziente Nutzung von Energie weitestgehend vermieden werden können.



Barbara Unmüßig: Und es geht auch um die Frage: Welche politischen Rahmenbedingungen braucht es, damit diese Ansätze aus der Nische kommen können? Denn Innovationen – auch gesellschaftliche – wachsen häufig aus einer kleinen Nische heraus. Doch viele Ideen und Lösungsansätze verlassen diese leider nie …

Wir sind in unseren kapitalistischen Produktionsweisen gefangen!

 BARBARA UMMÜSSIG

Barbara Unmüßig: Wir wissen zwar, dass unser Wirtschaftswachstum mit ökologischen Schäden verbunden ist, die auch in die Berechnungen für das Brutto-Sozialprodukt einbezogen werden müssten. Wir wissen auch längst, dass wir von der Substanz – und nicht für die Zukunft – leben. Der menschliche ökologische Fußabdruck liegt mit über 44 Prozent weit über den Kapazitäten und Fähigkeiten des Planeten, sich zu erneuern und Emissionen zu absorbieren. Über diese Tatsache kann auch unser effizienztechnologischer Fortschritt nicht hinwegtäuschen. Denn dieser „Fortschritt“ wird von der enormen Ausdehnung unseres Ressourcenverbrauchs wieder aufgefressen. Die große Denkaufgabe lautet also: Wie kann es gelingen, ein Leben in Würde, Wohlstand und Gerechtigkeit zu schaffen, ohne dass man dafür permanent die Wachstumsmaschine anwerfen muss? Fragen wie diese versuchen wir schon seit Jahrzehnten zu beantworten.

Die Rio-Konferenz 1992 stand für den Versuch, das Klima und die biologische Vielfalt durch globale Abkommen zu schützen. Die Tragik dabei: Es wurde viel zu wenig Augenmerk darauf gelegt, wie wir mit einem geringeren Ressourcenverbrauch Wege aus der globalen Armut finden können, auch wenn es diesbezüglich natürlich entsprechende verbale Forderungen gab. Tatsache ist aber: Der Fortschritt der Schwellen­- und Entwicklungsländer basiert nach wie vor auf fossilen Rohstoffen wie Kohle, Gas und Erdöl – und das, obwohl es die eigentliche Intention von Rio war, eine Entwicklung ENTKOPPELT von fossiler Energie in Gang zu setzen. Schon damals hätte es auch in den Schwellenländern viel größere Innovationsschübe für erneuerbare Energien geben können, wenn der Norden mit einer entsprechenden Technologieunterstützung zur Seite gestanden wäre. Mit Rio+20 hat man die Ideen von damals auch wieder aufgegriffen. Trotzdem sind die Erfolge bescheiden.


RANDBEMERKUNG
Rio+20

20 Jahre nach dem ersten „Erdgipfel“ kamen vom 20. bis 22. Juni 2012 in Rio de Janeiro wieder sämtliche Vertreter von Regierungen und Zivilgesellschaft zusammen, um über nachhaltige Entwicklung zu diskutieren und notwendige Prozesse in Gang zu bringen.


 

Wir tun nichts anderes, als einen scheinbaren Bedarf an Bedürfnissen stetig zu schüren.

 BARBARA UMMÜSSIG

Barbara Unmüßig: Wenn wir also endlich eine Antwort auf all diese Fragen finden möchten, dann müssen wir über unsere kapitalistische Produktionsweise sprechen, der die Notwendigkeit von Wachstum inhärent ist: Denn als Unternehmen MUSS man Renditen erwirtschaften, um Investitionen zu refinanzieren und um neue Produkte zu erfinden. Lebende Beispiele für diese Produktionsweise sind für mich die großen Energie­-, Pharma­-, Nahrungsmittel­- und Unterhaltungskonzerne, die alle nichts anderes tun, als einen Bedarf an neuen Bedürfnissen und Ressourcen stetig zu schüren und zu bedienen. Wir wissen, dass statt 60.000 Medikamenten 1.500 sichere, nützliche und zuverlässige Präparate ausreichen würden, um die Gesundheitsversorgung für alle zu gewährleisten. Trotzdem wird mit Milliardensummen geforscht, obwohl dabei nur noch graduelle Fortschritte erzielt werden, mit dem Argument: „Wir brauchen Forschung, um innovativ zu bleiben!“

Da stimmt aus meiner Sicht die gesamte Logik schon lange nicht mehr. Es müsste längst um die Frage gehen: Wie viel BRAUCHEN wir? Dabei geht es mir nun aber nicht darum, Innovationen abzuwürgen! Es geht mir auch nicht darum, Bedürfnisse, die wir definitiv haben, nicht mehr zu bedienen und zu erfüllen! Ich wende mich auch nicht gegen Forschung und Innovation. Im Gegenteil! Aber es geht sehr wohl um die Frage: Was versteht man unter einem „Wirtschaften mit Maß“? Was ist das Ziel allen Wirtschaftens? Gewinn und Macht? Oder Wohlstand für Mensch und Natur?

Ich weiß natürlich um die politische Zwangslage. Wir müssen auf Gedeih und Verderb wachsen, sonst geht es uns wie anderen Ländern: Fällt das Wachstum aus, werden Abermillionen arbeitslos. Und genau das sind die Themen, vor denen auch die Politik zurückschreckt. Sie setzt keine Rahmenbedingungen des WENIGER. Sie setzt keine GRENZEN. Warum tut sie das nicht? Weil die große Angst besteht, dass jede Grenzziehung, die in einer bestimmten Schärfe vollzogen wird, zu einer Destabilisierung in Form von politischen bzw. sozialen Unruhen führt. Und dabei geht es natürlich auch um die Angst vor dem politischen Machtverlust. Das muss man ganz klar benennen. Doch wir kommen um die Frage nicht herum, wie eine Entkopplung von Natur­ bzw. Ressourcenverbrauch und Wachstum gelingen kann …

Wir brauchen ein ökologisches, soziales und kulturelles Umdenken!

 BARBARA UMMÜSSIG

Barbara Unmüßig: Deswegen nehmen wir als Heinrich­ Böll­ Stiftung die Aufgabe wahr, uns für eine soziale, kulturelle und ökologische TRANSFORMATION einzusetzen. Der Begriff beschreibt einerseits sehr schön, dass wir in der Geschichte lange Phasen des gesellschaftlichen Wandels kennen. Andererseits macht dieser Begriff klar, dass es nicht um eine Art „Kosmetik“ geht, sondern um einen tiefgreifenden Wandel. Gleichzeitig haben wir aber angesichts des Klimawandels und Ressourcenschwunds keine Zeit für lange Anpassungsphasen und für „Transformationen“ im klassischen Sinn. Das heißt:

Wir müssen SCHNELL handeln. Und deshalb brauchen wir viel mehr Pionierinnen und Pioniere! Wir brauchen Menschen und Unternehmen, die nicht dem Mainstream entsprechen und die Neues ausprobieren. [1]

II


RANDBEMERKUNG
 my in-manas

Mit my in-manas können Sie Ihr Geschäftsmodell mit der Brille der Nachhaltigkeit betrachten.Dabei werden unter anderem Aspekte wie soziale und gesellschaftliche "Wirkung", ökonomische Stabilität und der Umgang mit Stakeholdern im Sinne von Fairness, Kooperation und Partizipation eruiert. Anschließend können Sie allein oder in Teams nachhaltige Strategien, Geschäftsmodelle und konkrete Projekte entwickeln.

Dieses zukunftsträchtige Tool wurde in Kooperation mit dem Terra Institute entwickelt – einem Kompetenzzentrum für Innovation und Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und Gesellschaft mit internationaler Projekterfahrung in den Spezialgebieten Innovation & Sustainability, Circular Economy und neue Geschäftsmodelle, sinnorientierte Unternehmensausrichtung und transformatives Leadership.
 

Sie wollen mehr erfahren?
 


RANDBEMERKUNG
Gesamtes Interview

[1] Das Interview ist in seiner gesamten Länge der Zeitschrift IMP Perspectives, Ausgabe 5 zu entnehmen: Weber, K.; Ettinger, A.; Miller, M. (2013/14). Raus aus der Nische. Oder: Welche Chancen Barbara Unmüßig sieht, gutes Leben und Wirtschaften in Einklang mit der Natur und sozialer Gerechtigkeit zu bringen. Und: Warum wir alle mehr Farbe bekennen müssen, damit Nachhaltigkeitskonzepte ihr Nischendasein beenden können.

IMP Perspectives 5, Wachstumslogiken der Zukunft. Wir wachsen, also sind wir? (S. 71-79)
 

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Unsere Interview-Partnerin

Barbara Unmüßig
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Die deutsche Politologin Barbara Unmüßig ist seit 2002 Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Hier verantwortet sie die thematischen Schwerpunkte der Stiftung - konkret: gerechte Globalisierung, Menschen- und Frauenrechte, internationale Klima-, Ressourcen- und Agrarpolitik sowie Demokratiepolitik.