Prof. Kurt Matzler über die Zukunft der Beratung

Menschen - beratend: im Glasgebäude

Franz Bailom im Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Kurt Matzler

TrendInsights Consulting: Über Gamechanger-Kompetenzen und Kompetenzlücken in der Beratungswelt


Immer wieder erhalten Sie hier Einblicke in unser Trendradar, dessen Inhalt von den unterschiedlichsten Branchenexperten bewertet wird. Ich greife die Bewertungen in vertiefenden Gesprächen auf und präsentiere sie hier, um Ihnen die Kernerkenntnisse weiterzuleiten. Dieses Mal habe ich mit Univ.-Prof. Dr. Kurt Matzler über die Veränderungen in der Strategieberatung gesprochen.


Kurt Matzler ist Professor für Strategisches Management an der Universität Innsbruck, akademischer Leiter des Executive-MBA-Programms am MCI in Innsbruck und Partner von IMP, einem internationalen Beratungsunternehmen. Er ist Autor von über 300 wissenschaftlichen Arbeiten und zahlreichen Büchern, unter anderem Mitautor der deutschen Ausgabe von „The Innovator’s Dilemma“, „einem der sechs wichtigsten Managementbücher überhaupt“ (Economist). Zudem ist er Mitautor von „Digital Disruption“ (2016) und „Open Strategy“ (2021). Mit mehr als 23.000 Zitaten in Google Scholar gehört Kurt Matzler zu den Top 20 der Strategieforscher in Europa und zu den Top 50 weltweit.

Bereit für ein paar Auszüge aus unserem Gespräch über die bedeutendsten Mega- und Makrotrends und darüber, wie sie auf die Consultingbranche wirken?

Die Strategieberatung sieht sich vor disruptiven Veränderungen. 

KURT MATZLER

Franz Bailom: Kurt, du hast deine Einschätzung zu den Entwicklungen im Consultingbereich in unserem Trendradar abgegeben und eine entsprechende Chancen- und Risikoanalyse vorgenommen. Wenn wir uns die Ergebnisse deiner Bewertung näher vor Augen führen, dann sehen wir auf einen Blick, bei welchen Megatrends die Branche echte Kompetenzen aufweist, aber auch, wo noch erfolgskritische Kompetenzlücken vorliegen. Kannst du uns diese Darstellung etwas erläutern und auf die bedeutendsten Trends eingehen? Warum siehst du beispielsweise den Megatrend „Individualisierung & Personalisierung“ – und hier insbesondere den Makrotrend „Personalisierte Information“ – als Gamechanger?

GAMECHANGER-KOMPETENZEN

Individualisierung & Personalisierung
Personalisierte Information


Kurt Matzler: Individualisierung und Personalisierung, auch in Form von personalisierter Information, sind ein zentraler Teil der DNA von Beratungshäusern. Gute Beratungsleistung zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass für jeden Kunden eine spezifische Lösung erarbeitet wird. Das heißt nicht, dass in den unterschiedlichen Projekten nicht dieselben Tools oder Instrumente zum Einsatz kommen dürfen. Aber die erarbeiteten Lösungsansätze sollten einzigartig und individuell sein. Das beherrschen Beratungshäuser auch ausgezeichnet. In Zukunft sind sie aber gefordert, diese Kompetenzen auf neue Aufgabenbereiche zu übertragen, auch in Form von individualisierten DIGITALEN Lösungsangeboten. Denn die vielzähligen neuen Möglichkeiten, die sich durch digitale Lösungen bereits heute eröffnen, führen zu völlig neuen Leistungsangeboten. Hier sind Beratungshäuser gehalten, die technologischen Möglichkeiten im eigenen Umfeld aufzubauen, um die sich bietenden Differenzierungs- und Wachstumschancen auch mit neuen Geschäftsmodellen nutzen zu können.

Franz Bailom: Hier sind wir schon bei mehreren Kompetenzlücken angelangt, die auch durch die Auswertung offensichtlich werden und zum Teil auch miteinander zusammenhängen …


ERFOLGSKRITISCHE KOMPETENZLÜCKEN

Datentechnologien
Neue Geschäftsmodelle & Vermarktungslogiken
Arbeits- & Lernwelten der Zukunft


Kurt Matzler: Das ist leider richtig! Der Zugriff auf und eine smarte Verwendung von Daten werden auch in der Beratungswelt zu einem immer bedeutenderen Wettbewerbselement. Es kommt nicht von ungefähr, dass die großen Beratungshäuser in den letzten Jahren gerade in diesem Bereich entsprechende Anstrengungen unternommen haben und mit neuen Geschäftsmodellen und Leistungsangeboten aufwarten, die auch mit völlig neuen Erlösmodellen einhergehen – Stichwort Abomodelle. Auf der anderen Seite fehlt aber vielen, zumeist kleineren Beratungen das (technische) Know-how, um ihr eigenes Geschäftsmodell zu erneuern, auch wenn sie wissen, dass es höchste Zeit dafür ist. Denn vieles deutet schon seit geraumer Zeit darauf hin, dass die Geschäftsmodelle von „Beratungshäusern der Zukunft“ verstärkt in Richtung digitalisierter Plattformen mit Tools, Daten und Content gehen werden und dass neben der inhaltlichen Beratung die BEFÄHIGUNG von Unternehmen immer wichtiger wird. Dabei wird aber wiederum die Implementierung von digitalen Tools bzw. die Nutzung spezifischer Daten- und Simulationsmodelle eine große Rolle spielen. 

Franz Bailom: Hinzu kommt, dass laufend neue Player auf den Markt kommen, die Unternehmen mit digitalen Plattformen smarte Optionen im Kontext von strategisch relevanten Daten liefern, von Marktprognosen bis hin zu Prozessdaten und Benchmarks. Zahlreiche innovative Ansätze basieren verstärkt auf Simulationsmodellen mit Echt- bzw. aktuellen Daten. Was müssen Beratungshäuser deiner Meinung nach tun, um mithalten zu können?

Kurt Matzler: Betrachtet man die vier Kernaspekte der Beratung, nämlich

  • Information (Daten und Analysen),
  • Expertise (Problemlösungsfähigkeit), 
  • strategische Insights (Strategievorschläge) sowie
  • Umsetzung (Pläne und Changemanagement), 

kann man leicht erkennen, dass durch Digitalisierung, Big Data und künstliche Intelligenz sämtliche daten- und analyselastigen Beratungsaufgaben stark zurückgedrängt werden. Und auch die Unternehmen selbst haben Zugang zu unzähligen Wissensquellen, was dazu führt, dass Berater kein Daten- und Wissensmonopol mehr haben. Berater müssen sich also dessen bewusst sein, dass auch sie über eine radikale Veränderung ihres Geschäftsmodells nachdenken müssen, und sollten sich die Frage stellen, wie sie einen Mehrwert stiften können, indem sie beispielsweise aufwendige Prozesse und Tools digitalisieren und externes Wissen – im Sinne von Open Strategy – integrieren.

Außerdem sollten sich Berater bei ihren Mitarbeitern weniger Gedanken über deren Methoden- und Prozess-Know-how machen, denn dieses Wissen wird in Zukunft aufgrund der Digitalisierung von Beratungsprozessen weniger wichtig. Von zentraler Bedeutung wird hingegen die Expertise in Bereichen wie Data Science, KI, Machine Learning, Big Data, Prozessautomatisierung und dergleichen mehr sein. Der Wettbewerb um die besten Köpfe in diesen Bereichen wird sehr hart, da junge Menschen mit dieser dringend benötigten Expertise oft ganz andere Vorstellungen von Werten – Stichwort Purpose – und ihrer Work-Life-Balance haben.

Franz Bailom: Womit wir bei der nächsten erfolgskritischen Kompetenzlücke angelangt sind, die vermutlich nicht nur die Beratungsbranche betrifft … 

Kurt Matzler: Absolut richtig. Die Arbeits- und Lernwelten der Zukunft sind nicht das Ergebnis von Covid, sie wurden nur dadurch befeuert. Und nicht nur Beratungshäuser sind gefordert, bestehenden und neuen Mitarbeitern veränderte Arbeitsmodelle und neue Möglichkeiten anzubieten. Der „Job des Beratens“ im bisherigen Verständnis passt bei vielen nur mehr sehr bedingt ins Mindset. Flexibilität, Freiräume und Lebensqualität, reduzierte Wochenarbeitszeit und Ähnliches stehen hoch im Kurs, aber nicht zwangsläufig die Arbeitsauffassung klassischer Beratungshäuser.

Franz Bailom: Kommen wir zum Abschluss noch auf eine Gamechanger-Kompetenz, die deiner Meinung nach für die Beratungsbranche von großer Bedeutung sein könnte: Stichwort Klimawandel.


GAMECHANGER-KOMPETENZ

Energie, Klimawandel und Nachhaltigkeit


Kurt Matzler: Sehr viele der bestehenden Beratungsfelder werden in Zukunft im Kontext dieses Makrotrends zu bearbeiten sein, um Unternehmen auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit zu begleiten. Es handelt sich in den nächsten Jahren mit Sicherheit um ein zentrales Wachstumsfeld für Beratungshäuser. Hier gilt es, weiter Wissen aufzubauen und neue Leistungsangebote zu entwickeln. In diesem Kontext erscheint es zielführend, dass Beratungen sich systematisch mit relevanten Zukunftsthemen beschäftigen. Nur so verstehen sie frühzeitig potenzielle Lösungsansätze für eine nachhaltigere Welt des Wirtschaftens.

Franz Bailom: Vielen Dank für das Gespräch, Kurt! Vielleicht bietet sich bald die Möglichkeit, auch die anderen Kompetenzen – oder auch etwaige Lücken – näher zu beleuchten. Oder auch neu aufkeimende Trends, die auf die Branche einwirken könnten.

 

    II


    UNSERE ABSCHLIESSENDE BUCHEMPFEHLUNG


    #openstrategy #disruption #innovation

    Stadler, Christian; Hautz, Julia; Matzler, Kurt; Friedrich von den Eichen, Stephan (2021): Open Strategy. Mastering Disruption from Outside the C-Suite. Cambridge, MA: MIT Press (= Management on the Cutting Edge). ISBN 978-0-26-204611-4


    SCHON GEWUSST?

    Mit dem in-manas-Trendradar können Sie die Entwicklungen und Auswirkungen aller relevanten Mega- und Makrotrends auf Ihr Unternehmen im Kontext von Wirtschaft und Gesellschaft bewerten. Arbeiten Sie mit beliebig vielen Personen – orts- und zeitunabhängig – auf virtuellen Pinnwänden gezielt an den unterschiedlichsten Frage- oder Problemstellungen, ganz im Sinne von Open Innovation und New Work. Laden Sie Mitarbeiter, externe Kunden oder Experten zur Lösung einer konkreten Problemstellung ein. Die Teilnehmer können jederzeit eigene Vorschläge auf der virtuellen Pinwand posten und die Lösungsvorschläge anderer Teilnehmer bewerten.

    MEHR ERFAHREN