„Kafka am Strand“ und innovation insights aus Japan

Bild eines japanischen Strandes

Klaudia Weber auf den Spuren von Innovationen rund um die Megatrends „Neue Geschäftsmodelle“ und „Digital vernetzte Produkte & Services“ 

Was sich neben literarischen Meisterwerken im Land der aufgehenden Sonne Innovatives tut


Kennen Sie den Roman „Kafka am Strand“, den der japanische Kultautor Haruki Murakami im Jahr 2002 vorlegte? Ich habe ihn vor Kurzem erneut gelesen und war einmal mehr fasziniert von der wundersamen Geschichte, die mit magischem Realismus und märchenhaft mystischen Elementen angereichert ist. Neben der Geschichte des fünfzehnjährigen Protagonisten, der auf der Suche nach sich selbst ist, wird in einem parallelen Handlungsstrang vom Leben eines älteren Mannes mit kognitiven Beeinträchtigungen erzählt, der mit Katzen sprechen kann. Seltsam? Ja! Aber in Büchern ist ja vieles möglich, was es im „wahren Leben“ nicht gibt. Oder etwa doch?


20 Jahre nach dem Erscheinen dieses Werks, das zu einem Bestseller wurde, entwickelte ein Spezialist für Spracherkennung mithilfe künstlicher Intelligenz und maschinellen Lernens eine App, die das Miauen von Katzen in menschliche Lautsprache überträgt. Gestoßen bin ich auf die „Katzen-App“, die ich Ihnen am Ende dieses Beitrags vorstellen möchte, in unserem Innovationskompass, als ich auf der Suche war, was sich neben literarischen Meisterwerken im Land der aufgehenden Sonne sonst so tut. Sehr viel, kann ich nur sagen – angefangen von innovativen Ansätzen in Sachen Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Wearables bis hin zu neuen  Geschäftsmodellen und Ideen für Bahnhöfe und Fluglinien.

Bereit für eine kleine Innovationsreise nach Japan in Form von ausgewählten innovation insights?


Mit Wearable lautlos Nachrichten diktieren und verschicken


Schriftliche digitale Kommunikation, beruflich und privat heute eine Selbstverständlichkeit, vollzieht sich dank technologischen Fortschritten etwa im Bereich der phonetischen Spracherkennung auf mehreren Ebenen der Ein- und Ausgabe. Diktiert man jedoch eine Nachricht, tut man das immer noch in einer bestimmten Lautstärke – und macht sich damit in gemeinsamen Büros oder öffentlichen Verkehrsmitteln nicht gerade beliebt. Im Rahmen des Forschungsprojekts SilentSpeller der University of Tokyo unter Beteiligung des Google Interaction Lab wurde deshalb ein zahnspangenartiges Wearable entwickelt, mit dem Nachrichten völlig lautlos diktiert und versendet werden können. 124 Sensoren erfassen die Zungenbewegungen und Kontakte zwischen Zunge und Gaumen und übersetzen die Bewegungsmuster in Sprache, die anschließend auf dem Display erscheint. Dieses Konzept der Elektropalatografie wurde nicht vollkommen neu entwickelt, sondern von einem SmartPalate genannten Sprachanalysetool übernommen und weiterentwickelt, das Menschen mit phonetischen Problemen Hilfestellung bieten soll. Mit dem SilentSpeller wird jedoch ein neues Feld eröffnet, er soll der alltäglichen Kommunikation dienen, dabei aber etwa auch Menschen mit Bewegungseinschränkungen das Kommunizieren vereinfachen. Derzeit muss der Prototyp des SilentSpeller noch über ein USB-Kabel mit dem Eingabegerät verbunden werden, mit – noch nicht festgelegtem – Markteintritt wird er über eine drahtlose Verbindung verfügen. [1]


Mehr kontaktlos geht nicht: Zahlen per Hologramm


Geschäfte ohne Kassen, bei denen man automatisch beim Verlassen des Ladens seine Einkäufe zahlt, gibt es bereits. Nun kommt bald das Zahlen per Hologrammkasse, komplett ohne das Berühren einer Hardware. Alles gezielte Drücken von Tasten findet ausschließlich in der Luft statt. Praktischerweise sind diese nur erkennbar für denjenigen, der direkt vor dem Terminal für den Scan- und Bezahlvorgang steht. Die Technologie kommt von Toshiba und beruht auf dem „Digi Pos“-System – ein Drücken von Tasten wird ermöglicht, ohne auch nur irgendwas zu berühren. Sensoren erkennen die Bewegungen der Hand genau. Derzeit wird das Check-out-System in verschiedenen 7-Eleven-Filialen in Japan getestet. Neben dem absoluten Hygieneübermaß durch ein kontaktloses Einkaufen und Bezahlen verbleiben die Hardware-Komponenten durch die Berührungslosigkeit ohne Schäden durch Überbeanspruchung und können folglich für einen längeren Zeitraum genutzt werden. [2]


Mehrsprachige KI-Assistentin auf japanischem Bahnhof im Testeinsatz


Wer regelmäßig Zug fährt, weiß, wie turbulent es an Bahnhöfen zugeht und wie viele Fragen sich dort auftun können. In Osaka in Japan haben Reisende nun die Möglichkeit, sich Unterstützung bei einer KI-Assistentin zu holen, die allein durch Sprachinteraktion – also ohne Berührung – Antworten auf Fragen zu An- und Abfahrtszeiten, Verspätungen, Anschlusszügen oder Gleisänderungen gibt. Und das auf Japanisch, Englisch, Chinesisch und Koreanisch. Auch zu den einzelnen Stadtteilen rund um den Bahnhof bzw. zu den umliegenden Geschäften und Einrichtungen erteilt Aya Koishikawa, so der Name der künstlichen Assistentin, Auskunft. Das neue Supportsystem der privaten Eisenbahngesellschaft Hankyū Dentetsu K.K. befindet sich noch in der Testphase. Die Passagiere werden gebeten, das Angebot zu nutzen, um die Genauigkeit der Antworten zu verbessern. Aya Koishikawa ist nicht die erste künstlich intelligente Assistenz, die an einem japanischen Bahnhof zum Einsatz kommt. In Tokio beispielsweise sind schon seit geraumer Zeit Überwachungsroboter im Testeinsatz. Auch an anderen Bahnhöfen werden KI-gestützte Systeme genutzt. [3]


Japanische Airline lockt Fluggäste mit Entgegenkommen an Hunde, Katzen und Co


Wie kann man den Menschen das Fliegen wieder schmackhaft machen? Fluglinien weltweit kämpfen insbesondere seit der Coronapandemie mit Umsatzeinbußen. Eine mögliche Antwort darauf hat nun eine japanische Fluglinie gefunden: Sie erlaubt ihren Kunden neuerdings, Haustiere mit an den Sitzplatz zu nehmen. Allerdings ist das an ein paar Auflagen gebunden: So müssen die kleinen Lieblinge in einem Transportbehälter mit den Maßen 50 x 40 x 40 cm Platz haben und dürfen während des Flugs weder frei herumlaufen noch gefüttert werden. Zudem sind die Besitzer gehalten, den Tieren eine Windel anzulegen, um eine mögliche Geruchsausbreitung in der Kabine zu verhindern. Die Fluggesellschaft reagiert mit diesem Service auf die zu beobachtende zahlenmäßige Zunahme von Haustieren. Laut der Japan Pet Food Association ist beispielsweise die Zahl der Hundebesitzer im vergangenen Jahr um rund 58.000 gestiegen, was sich ebenfalls mit der Pandemie und der damit einhergehenden zunehmenden Einsamkeit vieler Menschen erklären lässt. [4]

Und hier schließt sich der Kreis: Wir sind wieder bei Katzen, was mich daran erinnert, dass ich Ihnen noch die eingangs erwähnte App vorstellen wollte. Vielleicht haben Sie ja einen miauenden Vierbeiner zu Hause? Und vielleicht hilft Ihnen diese Anwendung, sich sprachlich anzunähern?


Sich endlich mit der eigenen Katze unterhalten können – App macht’s möglich


Vermutlich fast alle Menschen, die eine Katze besitzen, würden sich gern mit ihr unterhalten oder zumindest verstehen, was der flauschige Vierbeiner mit dem Miauen mitzuteilen versucht. „MeowTalk“ soll genau das möglich machen. Ein Spezialist für Spracherkennung entwickelte mithilfe künstlicher Intelligenz und Machine Learning eine App, die das Miauen von Katzen in menschliche Lautsprache übersetzen kann. Der Katzenbesitzer lädt die App herunter, legt ein Profil für das Haustier an und nimmt immer wieder die Miaugeräusche auf. Diese können dann unterschiedlichen Stimmungen und Bedürfnissen zugeordnet werden, sodass es der App möglich wird, unterschiedliche Formen des Maunzens den jeweiligen Bedürfnissen zuzuordnen und in Menschensprache zu übersetzen. Je mehr unterschiedliche Formen und Tonarten der Katzengeräusche eingespeist werden, desto besser wird die intelligente Anwendung. Eine Expertin warnt jedoch davor, die KI falsch zu trainieren, wenn das Miauen der Katze von den Besitzern falsch gedeutet wird. Es sollte daher eher als spielerischer Zeitvertrieb und nicht als korrekte Übersetzung von Katzen- in Menschensprache angesehen werden, da ansonsten tatsächliche Bedürfnisse der vierbeinigen Haustiere übersehen werden könnten. [5]

Ich hoffe, diese Auszüge aus unseren innovation insights sind für Sie nicht „für die Katz“, sondern eine unterhaltsame Inspirationsquelle für Ihre Strategie- und Innovationsarbeit.

Klaudia und das gesamte in-manas-Team

II


QUELLEN UND VERTIEFUNGSTIPPS

[1] Zahnspange lässt Nachrichten mit der Zunge schreiben

[2] Berührungslose Bezahlung in der Luft: Supermarkt-Kette testet Hologramm-Kassen

[3] Hankyu testet KI-Assistentin im Bahnhof von Osaka

[4] Japanische Airline erlaubt Haustiere an den Sitzplatz mitzunehmen

[5] MeowTalk: Alexa-Mitentwickler will mit neuer App Katzen übersetzen

Die Autorin

Foto: Klaudia Weber
Klaudia Weber
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Klaudia gibt uns regelmäßig "in-sights" rund um die Themenbereiche "New Work", "New Learning", "Nachhaltigkeit", "Neue Lebensstile" und "Neue Geschäftsmodelle" - nicht nur im Rahmen dieser Blogbeiträge, sondern auch, indem sie unseren Innovationskompass laufend mit den jüngsten Trends und Innovationen anreichert. Außerdem denkt und schreibt die "gelernte" Sozialpädagogin gerne "outside the box" und tauscht sich dazu immer wieder mit Experten und Vordenkern aus den unterschiedlichsten Disziplinen aus: angefangen von Soziologen und Philosophen bis hin zu Gehirnforschern.