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Gespräch mit Gehirnforscher Martin Korte über Homeoffice

Frau mit großem Bildschirm bei Videokonferenz und einem kleinen Laptop

Klaudia Weber auf den Spuren des Megatrends „Arbeits- und Lernwelten der Zukunft“
 

Homeoffice beibehalten oder zurück ins Büro? Für und Wider aus Sicht der Hirnforschung


Der Wunsch, von zu Hause aus zu arbeiten und das berufliche Pendeln zu reduzieren, hat sich mit dem Fortschreiten der Pandemie verstärkt, und viele fühlen sich mittlerweile wohler, wenn sie anderen Menschen für den individuellen Kontakt gar nicht persönlich begegnen müssen. Die rasche Ausbreitung der Deltavariante untergräbt auch den Drang, in absehbarer Zeit wieder Vollzeit im Büro zu arbeiten. Hat die Pandemie den New-Work-Trend in eine positive Richtung befeuert? Oder entwickeln wir uns zunehmend zum Homo soziophobicus, zum Menschen, der Angst vor der eigenen Spezies hat? Welche Punkte sprechen für und welche gegen ein Arbeiten von zu Hause aus? Warum ist Misstrauen die falsche Motivation, die Mitarbeiter ins Büro zurückzuholen? Darüber und über vieles andere mehr haben wir mit Prof. Dr. Martin Korte, Neurobiologe an der TU Braunschweig, gesprochen.


Die Arbeitsortflexibilität zu erhöhen, ist gut für unsere Gehirne, denn ein Umgebungswechsel regt die Kreativität und die Fantasie an.

MARTIN KORTE

in-manas: Herr Prof. Korte, das Arbeiten von zu Hause aus scheint für viele Menschen durchaus Vorteile mit sich zu bringen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass manche Unternehmen damit zu kämpfen haben, Beschäftigte wieder ins Büro zurückzuholen. Wie stehen Sie als Neurobiologe zu diesem Thema? 

Martin Korte: Die Arbeitsortflexibilität zu erhöhen, ist gut für unsere Gehirne, denn ein Umgebungswechsel regt die Kreativität und die Fantasie an. Aber aus neurowissenschaftlicher Sicht stellt sich die Frage, ob unsere Arbeitswelt nicht stärker von der privaten Denk- und Handlungswelt getrennt bleiben sollte und ob wir uns auf Dauer zu Hause – allein – wirklich wohler fühlen. Denn unsere Gehirne sind auf Gemeinschaft bzw. Kooperation angelegt, die real in einem Raum stattfinden muss, damit sie zur vollen Entfaltung kommen kann. Man könnte auch sagen, dass unsere Gehirne am ehesten motiviert sind, in einer Sozietät mit anderen Gehirnen zu denken und zu arbeiten.

in-manas: Nun hatte man aber insbesondere während der letzten Monate – seit dem Ausbruch der Pandemie – den Eindruck, dass sich kollaboratives, kooperatives Arbeiten mit digitalen Tools auch sehr gut virtuell bewerkstelligen lässt ...

Martin Korte: Das ist richtig. Aber es hat sich auch gezeigt, dass es sehr schwer ist, virtuell neue Kontakte zu knüpfen und informelle, aber vertrauensbildende und die Kooperation fördernde Gespräche zu führen. Darüber hinaus sind Videokonferenzen durch die ständige kognitive Dissonanz, die wir dabei erleben, sehr anstrengend. Das Gehirn muss die ganze Zeit Gesichter von Kacheln am Bildschirm herunterbrechen, auch das eigene. Entsprechend wirken Zoomkonferenzen auch immer etwas wie Valiumtabletten, was die Kreativität und Innovationskraft angeht, da sie unsere gesamte Konzentrationsfähigkeit quasi auffressen. „Zoom-Fatigue“, also Erschöpfungszustände durch Zoommeetings, sind ein vielfach beschriebenes Phänomen.

in-manas: Was können Sie jenen Menschen sagen, die dem Arbeitsplatz aus Angst vor einer Ansteckung fernbleiben? Insbesondere die Deltavariante des Coronavirus SARS-CoV-2 gilt immerhin als deutlich ansteckender als vorherige Formen.

Martin Korte: Bisher wirken die Impfstoffe auch zuverlässig gegen schwere Verläufe der Deltavariante. Entsprechend spricht zumindest bei dieser Virusvariante nichts dagegen, an die Arbeitsplätze zurückzukehren. Wir müssen jetzt – auch psychologisch – lernen, mit dem Virus zu leben. Genauso wenig wie Grippeviren wird uns dieses Virus wieder verlassen. Aber für die allermeisten geimpften Menschen stellt es keine lebensbedrohliche Gefahr dar. Wir müssen neben vielen anderen Dingen wieder die Nähe zu anderen Menschen lernen. Das wird schnell gehen, weil wir dafür einen natürlichen Instinkt haben. Aber wir müssen es auch zulassen.

Misstrauen ist definitiv der falsche Grund, um die Leute ins Büro zurückzuholen. Die Datenlage zeigt, dass Mitarbeiter im Homeoffice im Mittel genau die gleiche Arbeitsmenge erledigten wie zuvor an ihren Arbeitsplätzen. 

MARTIN KORTE

in-manas: Einige Unternehmen gehen wieder dazu über, ihre Mitarbeiter anzuweisen, ganztägig im Büro zu arbeiten. Sie begründen das damit, dass der persönliche Kontakt für die Zusammenarbeit besser ist und dass die Mitarbeiter zu Hause weniger produktiv sind. Da schwingt bei manchen auch Misstrauen mit.

Martin Korte: Gegen dieses Misstrauen hilft ein Blick auf die Datenlage: In Südkorea hat eine große Softwarefirma die Arbeitszeiten und die Arbeitseffektivität ihrer Mitarbeiter präzise vermessen. Und es zeigte sich, dass die Mitarbeiter im Homeoffice im Mittel genau die gleiche Arbeitsmenge erledigten wie zuvor an ihren Arbeitsplätzen. Allerdings arbeiteten sie zu Hause 1 bis 1,5 Stunden länger – auch zu ungewöhnlichen Zeiten, weil sich Privates und Berufliches immer mehr vermischte. Aufgrund der vielen Onlinemeetings wurde die Arbeit außerdem stärker zerstückelt und unterbrochen. Und wir brauchen nach jeder längeren Unterbrechung wieder viel Zeit, um uns in eine komplexe Thematik einzudenken. Das können bis zu 15 Minuten sein. Das heißt, die Zeit, die sich die Mitarbeiter sparen konnten, indem sie nicht pendeln mussten, ging durch mehr reale Arbeitszeit wieder verloren.

in-manas: Was können Sie Unternehmen und Vorgesetzten mit auf den Weg geben, die ihre Mitarbeiter nur aufgrund von Misstrauen wieder ins Büro zurückzitieren?

Martin Korte: Misstrauen ist definitiv der falsche Grund, die Leute ins Büro zurückzuholen. Das zeigen eben die Daten. Was aber tatsächlich für das Office spricht, ist die Tatsache, dass wir in informellen Gesprächen auf dem Flur, in der Cafeteria bzw. vor oder nach einem Meeting viele Informationen verarbeiten, weitergeben oder annehmen, die uns oft gar nicht bewusst sind, die aber wichtige Tipps und Tricks im Alltag bereithalten.

Eine große Studie der Universität Harvard hat gezeigt, dass vor allem von Peer zu Peer weitergegebene Informationen etwa 17 bis 20 Prozent an Arbeitsproduktivitätsgewinn mit sich bringen – Informationen, die online verloren gehen, weil hier der direkte, gezielte Informationsaustausch im Vordergrund steht. Auch fehlt die „Serendipity“, also der zufällige Austausch nicht geahnter, aber relevanter Informationen und Sachverhalte.

Studienergebnisse weisen darauf hin, dass Remotearbeit, wenn sie überhandnimmt, den Informationsaustausch in einer Art und Weise verringern kann, die sich auf die Produktivität und Innovationskraft auswirkt.

MARTIN KORTE

Martin Korte: Sicherlich auch interessant und vor allem brandaktuell: Anfang Oktober wurden in der Zeitschrift Nature Human Behaviour Ergebnisse einer Studie mit 60.000 Microsoft-Mitarbeitern veröffentlicht. Dabei waren anonymisierte Daten zu E-Mails, Anrufen und anderen Arbeitsaktivitäten analysiert worden, und zwar vor und nach der Einführung des Homeoffice im März 2020. Die Wissenschaftler ermittelten, dass die Umstellung auf das Homeoffice eindeutig zu einer Verringerung jener Zeit führte, die für die Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Geschäftsbereichen aufgewendet wurde, und zwar um etwa 25 Prozent. Stattdessen steigerten die Arbeitnehmer ihre Kommunikation und ihre Verbindungen mit anderen Menschen in ihrem internen Unternehmensnetzwerk. Zudem zeigte sich, dass die Arbeitnehmer mehr Zeit mit der Kommunikation per E-Mail und Instant-Messaging-Systemen, aber weniger Zeit am Telefon oder in Videokonferenzen verbrachten. Das führte wiederum dazu, dass die Arbeitnehmer länger arbeiteten. Auch diese Studienergebnisse weisen darauf hin, dass Remotearbeit, wenn sie überhandnimmt, den Informationsaustausch in einer Art und Weise verringern kann, die sich auf die Produktivität und Innovationskraft auswirkt.

in-manas: Welche kreativen Möglichkeiten müssen sich Unternehmen einfallen lassen, um ihre Leute wieder verstärkt vor Ort zu haben, damit diesem Rückgang beim Informationsaustausch etwas entgegengesetzt werden kann?

Martin Korte: Im Vordergrund sollte zunächst stehen, den Arbeitsplatz durch die Mitarbeiter und Vorgesetzten attraktiv zu gestalten. Es geht darum, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, denn unsere kooperativen Gehirne werden vor allem durch Menschen motiviert und angeregt, denen wir vertrauen und mit denen wir gemeinsam Ziele erreichen möchten. Das wird aber nicht zwangsläufig realisiert, indem man im gleichen Gebäude arbeitet. Das wäre zu einfach. Vielmehr geht es darum, genügend Schnittstellen und Knotenpunkte für einen direkten Austausch zu schaffen. Das ist essenziell für die Arbeitszufriedenheit und Gesamtproduktivität einer Abteilung.

Vor allem von Peer zu Peer weitergegebene Informationen bringen etwa 17 bis 20 Prozent an Arbeitsproduktivitätsgewinn mit sich – Informationen, die online verloren gehen, weil hier der direkte, gezielte Informationsaustausch im Vordergrund steht.

MARTIN KORTE

Martin Korte: Neben all dem Gesagten muss noch Folgendes betont werden: Menschen lieben Autonomie. Das heißt, sie wollen an Entscheidungen beteiligt sein: Sie wollen mitgestalten. Und daher ist es wichtig, im Gespräch flexible Lösungen zu finden, in denen das zu lösende Arbeitsproblem im Vordergrund steht und nicht die Frage, ob sich dieses „nur“ im Homeoffice (oder auch remote) lösen lässt oder ob man dafür immer vor Ort im Büro sein muss. Ich empfehle also, den Arbeitsort nicht zu verabsolutieren, sondern eher zu fragen, was in der Gemengelage der Arbeitsabläufe, der Gesprächskultur, der Kundenorientiertheit und der Wünsche der Arbeitnehmer und Vorgesetzten am ehesten realisierbar ist.

Ich bin mir sicher, dass Arbeitsorte zunehmend flexibler gedacht werden müssen, als das bisher der Fall war. Aber als Hirnforscher weise ich auch darauf hin, dass wir evolutiv auf einen direkten Kontakt mit Mitmenschen geeicht sind. Und alles, was sich im Zusammenhang mit Homeoffice anfänglich vielleicht sehr stimmig und auch bequem anfühlen mag, kann auf Dauer zu einer stressbehafteten Einsamkeit führen. Vor allem aber tauschen wir im direkten, unmittelbaren, oft zufällig stattfindenden Gespräch mehr an Know-how aus als nur über in Smalltalk gegossene Worte.

in-manas: Vielen Dank für das interessante und aufschlussreiche Gespräch! Wir freuen uns schon auf unseren nächsten Austausch. 

II


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