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in-sights: the future of management

VUCA - Entscheiden in Unsicherheit

Klaudia Weber im Gespräch mit dem Wirtschaftspsychologen Johannes Moskaliuk
 

Warum "New Worker" ein anderes Entscheidungsverhalten an den Tag legen müssen 


VUCA (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity) beschreibt kurz und "knackig", in welcher Welt Führen bzw. Arbeiten heute stattfindet: nämlich in einer "sprunghaften", unsicheren, komplexen und schwer interpretierbaren Welt. Eine zusätzliche Herausforderung für Entscheidungsträger, denn unser Gehirn scheint nicht VUCA-kompatibel zu sein. Der Grund dafür? Wenn bisherige Erfahrungen nur eingeschränkt geeignet sind, um zukünftigen Entwicklungen Rechnung zu tragen, führt das verstärkt zu Fehlentscheidungen. 


Auch der Wirtschaftspsychologe Prof. Dr. Johannes Moskaliuk ist davon überzeugt, dass die "altbewährte" Vorgehensweise –  nämlich auf Basis unseres Erfahrungsschatzes Entscheidungen zu treffen – in einer VUCA-Welt nur bedingt erfolgreich sein kann.

Wenn wir es tatsächlich mit einer Disruption von Geschäftsmodellen, mit einer Veränderung von Kommunikation, mit einer sich stetig wandelnden Umwelt zu tun haben, dann ist es nicht immer sinnvoll, auf Erfahrungen zu vertrauen.

JOHANNES MOSKALIUK

Worauf wir dann vertrauen sollen? Eine gute Frage, der wir in diesem Beitrag nachgehen werden. Dabei erfahren Sie unter anderem:

  • Warum unser Erfahrungswissen in einer VUCA-Welt wenig hilfreich ist und wir stattdessen verstärkt auf unser limbisches System "hören" sollten
  • Warum das "alte" Bild des Nordsterns auch in unserer modernen Welt für mehr Ausrichtung und Orientierung sorgen kann
  • Warum mehr Meinungen & Sichtweisen und weniger Zentralismus bei komplexen Entscheidungen unumgänglich sind

Doch um die Antworten „so richtig“ verstehen zu können, kommen wir nicht umhin, etwas tiefer in die Kognitionspsychologie einzutauchen. Bereit dafür? Gemeinsam mit Johannes Moskaliuk machen wir uns auf die Suche nach guten Entscheidungsfindungsmöglichkeiten ...

 

    in-manas im Gespräch mit Johannes Moskaliuk


    Prof. Dr. Johannes Moskaliuk arbeitet am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen und hat eine Professur für Psychologie und Management an der International School of Management in Stuttgart. Dort unterrichtet er unter anderem im neuen Masterprogramm Human Resources Management & Digital Transformation. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Bedeutung digitaler Medien, speziell des Social Webs, für Kommunikation, Kooperation und Lernen.


     

    Über heuristische und analytische Entscheidungen

    In einer VUCA-Welt ist die Zukunft immer weniger auf der Basis bereits vorliegender Daten und Fakten vorhersagbar. Unser Erfahrungswissen 'taugt' – salopp gesagt – plötzlich nichts mehr.

    JOHANNES MOSKALIUK

    in-manas: Herr Professor Moskaliuk, warum kann das Vertrauen auf "Erfahrungswissen" in einer VUCA-Welt zu Fehlentscheidungen führen? Was muss man grundsätzlich über Entscheidungsformen wissen, um die Problematik zu verstehen?

    Johannes Moskaliuk: In der Kognitionspsychologie unterscheiden wir zwischen heuristischen und analytischen Entscheidungen:

    • HEURISTISCHE Entscheidungen werden schnell, aus dem Bauch heraus und ganz intuitiv auf Basis von „Daumenregeln“ gefällt. Hier ist maßgeblich das limbische System des Gehirns beteiligt. Die heuristische Form der Entscheidung ist allerdings sehr fehleranfällig. 
    • ANALYTISCHE Entscheidungen sind daten- und faktenbasiert. Sie funktionieren also nach bestimmten Entscheidungsregeln. Neurologisch betrachtet ist hier der Neokortex federführend.

    Analytische Entscheidungen sind weniger fehleranfällig als heuristische, wenn ich mich auf das Wissen der Vergangenheit beziehen kann. Ich kann die Vergangenheit in die Zukunft „fortschreiben“ und somit bisherige Erfahrungen nutzen.

    In einer VUCA-Welt ist jedoch die Zukunft immer weniger auf der Basis bereits vorliegender Daten und Fakten vorhersagbar. Und das ist das große Dilemma, vor dem wir gerade stehen. Denn unser Erfahrungswissen "taugt" – salopp gesagt – plötzlich nichts mehr.

    in-manas: Was genau passiert im Gehirn, wenn wir Entscheidungen treffen? Wie kann man sich die Funktionsweise unseres Gehirns am besten vorstellen?

     

    Über das Gehirn als Netzwerk

     Erst müssen Informationen, Daten und Fakten zusammengetragen werden, dann muss das limbische System aktiv werden, das – vereinfacht gesprochen – entscheidet: Das fühlt sich gut an oder da stimmt was nicht.

    JOHANNES MOSKALIUK

    Johannes Moskaliuk: Hier ist die Metapher des Netzwerkes hilfreich. Unser Gehirn besteht aus Nervenzellen, und diese Nervenzellen sind über die Dendriten mit anderen Nervenzellen verbunden. "Bildlich" kann man sich die einzelnen Nervenzellen auch als "Knoten" vorstellen, die über „Kanten“ miteinander verbunden sind und zusammen ein Netzwerk bilden.

    Ein Beispiel zur besseren Veranschaulichung: Stellen Sie sich vor, Sie sind gerade hungrig und haben die Wahl zwischen einem Döner und einer Suhsi-Box. Und stellen Sie sich weiters vor, die roten Knoten hier in dieser Abbildung (siehe Abb. 1) stellen eine Information aus Ihrer Umwelt dar – in diesem Fall den Döner, den Sie riechen und sehen.

    Wenn diese Sinnesinformationen bei Ihnen eintreffen, aktivieren sie weitere Informationen, die in Zusammenhang mit dem Döner stehen – beispielsweise POSITIVE ERFAHRUNGEN, die Sie irgendwann beim Döner-Kauf gemacht haben, etwa ein nettes Gespräch mit dem Besitzer des Döner-Ladens. Oder auch PROBLEME, die nach dem Essen aufgetreten sind, wie zum Beispiel bleierne Müdigkeit. Dasselbe gilt natürlich für die Sushi-Box. Das heißt: Eine Information im Netzwerk aktiviert sehr viele andere Informationen.

    Bei Entscheidungen passiert nun Folgendes:

    • Wenn Sie den richtigen Knoten erwischen, dann finden Sie im Netzwerk tatsächlich jene Informationen, die zu einer guten Entscheidung führen – also zur Entscheidung für die Sushi-Box, wenn gerade leichtere Kost für Sie von Vorteil ist, oder für den Döner, wenn Sie z.B. schnell ein preisgünstiges Essen brauchen.
    • Wenn aber ein falscher Knoten aktiviert wird – ein Knoten, der sich auf Informationen aus der Vergangenheit bezieht, die für die aktuelle Entscheidungssituation nicht mehr relevant sind –, dann werden wir eine falsche Entscheidung treffen.

    in-manas: Sind in einer VUCA-Welt heuristische Entscheidungen - also aus dem "Bauch" heraus - besser?

    Johannes Moskaliuk: Auch heuristische Entscheidungen basieren letztlich auf Erfahrungen. Diese Erfahrungen sind uns aber weniger leicht zugänglich. Interessanterweise zeigt sich, dass heuristische Entscheidungen – insbesondere, wenn unter Zeitdruck entschieden werden muss und eine hohe Komplexität gar keine analytische Entscheidung zulässt – oft erstaunlich treffsicher sind.

    Hier kommt es darauf an, wie eine Entscheidungssituation und die dafür notwendigen Informationen mental repräsentiert sind. Letztlich geht es um eine Kombination aus analytischem und heuristischem Entscheiden. Erst müssen Informationen, Daten und Fakten zusammengetragen werden, dann muss das limbische System aktiv werden, das – vereinfacht gesprochen – entscheidet: „Das fühlt sich gut an“, oder „Da stimmt was nicht“.

    Die Herausforderung besteht darin, es rechtzeitig zu bemerken, wenn das limbische System Bedenken anmeldet. Dann lohnt es sich, zu überprüfen, ob eine Entscheidung gut und richtig ist.

     


    Über richtungsweisende "Sterne" und die Weisheit der Vielen

    Weil die Welt so komplex ist, können einzelne Personen gar keine verlässlichen Entscheidungen mehr treffen. Für eine gute Entscheidung sind viele unterschiedliche Perspektiven, die einander widersprechen und ergänzen, hilfreich und notwendig.

    JOHANNES MOSKALIUK

    in-manas: Was sind überhaupt „gute“ Entscheidungen?

    Johannes Moskaliuk: Mir gefällt das Bild des NORDSTERNS gut, also des Polarsterns, der früher für die Seeleute neben der Sonne die wichtigste Navigationshilfe war. Damit gemeint ist eine Vision, ein gemeinsames Ziel. Der Nordstern gibt die Richtung vor. Es geht darum, Entscheidungen an diesem Stern auszurichten.

    Eine gute Entscheidung ist also eine, die mich oder mein Unternehmen in Richtung des Nordsterns bringt. Was eine gute Entscheidung ist, ist also immer „relativ“ zu diesem Stern. Der Nordstern „zufriedene Kunden“ wird zu anderen Entscheidungen führen als der Nordstern „kurzfristige Maximierung der Kapitalrendite“.

    Dieser Nordstern ist dabei noch kein messbares, eindeutiges Ziel. Es ist auch noch nicht klar, wie der Punkt, zu dem er hinführt, erreicht werden kann. Der Nordstern ist die „Vorgabe“ für das limbische System, er bietet einen Bewertungsmaßstab. Daran werden Entscheidungen gemessen. Die Voraussetzung für gute Entscheidungen ist also ein klarer Nordstern.

    in-manas: Entscheiden in einer VUCA-Welt bedeutet also immer auch, dass Entscheidungen von der Wirklichkeit überholt werden. Analytische Entscheidungen und die Auswertung langfristiger Erfahrungen sind oft nicht möglich. Welche Chancen für gute Entscheidungen sehen Sie in mehr KOOPERATION und VERNETZUNG?

    Johannes Moskaliuk: Das sind zwei ganz wichtige Punkte. Denn gute Entscheidungen sind immer kooperative Entscheidungen, die Wissen und Erfahrungen unterschiedlicher Personen berücksichtigen und integrieren. Weil die Welt so komplex ist, können einzelne Personen gar keine verlässlichen Entscheidungen mehr treffen. Für eine gute Entscheidung sind viele unterschiedliche Perspektiven, die einander widersprechen und ergänzen, hilfreich und notwendig. Deshalb müssen Unternehmen darauf achten, die Expertise der Mitarbeitenden in einem Team zu kennen und zu nutzen. Außerdem brauchen Mitarbeitende entsprechende Entscheidungs- und Problemlösekompetenzen – nur dann wird ein Team in der Lage sein, gute und richtige Entscheidungen zu treffen und diese auch umzusetzen.

    Aber auch die Führungskräfte müssen sich neue Kompetenzen aneignen: Denn ein Team braucht „die Erlaubnis“, Entscheidungen zu treffen. Es geht um die Einstellung oder Haltung, die Führungskräfte in Bezug auf die Rolle ihres Teams haben, und darum, diese Haltung auch sichtbar zu machen.

    Konkret bedeutet das vom Zentralismus wegzukommen hin zu Entscheidungen „vor Ort“. Wenn der Nordstern klar ist, können Entscheidungen dort getroffen werden, wo sie auch umgesetzt werden müssen. Es geht dabei auch um Verantwortung: Wenn ich selbst eine Entscheidung treffen kann, fühle ich mich auch für deren Umsetzung verantwortlich und auch für die Konsequenzen meiner Entscheidung – und merke idealerweise schnell, ob die Entscheidung richtig war oder nicht.

    in-manas: Vielen Dank für das "richtungsweisende" Gespräch!

    II


    RAND- & ABSCHLUSSBEMERKUNG

    Zum Abschluss noch eine "Randbemerkung" in eigener Sache, die Sie selbstverständlich auch ignorieren können - IHRE Entscheidung, sozusagen ;-). Aber hier an dieser Stelle wollten wir nicht unerwähnt lassen, dass Sie mit  my in-manas, Ihrem persönlichen digitalen Management- & Strategie-Assistenzsystem, schneller als je zuvor Entscheidungen treffen und innovative Geschäftsmodelle & Strategien entwickeln können.

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    Unser Interview-Partner

    Johannes Moskaliuk
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    Der Wirtschaftspsychologe Prof. Dr. Johannes Moskaliuk wird unsere in-sights immer wieder um seine Sichtweisen in den Bereichen Leadership 4.0 & Digital Transformation bereichern. Zudem wird er für uns auch die Bedeutung digitaler Medien für Kommunikation, Kooperation und Lernen beleuchten.