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Die etwas andere Vorstellung von Zukunftsstädten

Bild mit einer Stadt

Karla Prigge auf den Spuren des Megatrends „Urbanisierung
 

Wie man futuristische Stadtbilder auch zeichnen kann


Woran denken Sie, wenn von der Stadt der Zukunft die Rede ist? Vermutlich an Smart Cities, die vor lauter digitaler Vernetzung und künstlicher Intelligenz nur so strotzen. Diese Vorstellung kommt nicht von ungefähr, da in den Medien zahlreiche zukunftsweisende Stadtbilder präsentiert werden, die auf digitalen Hightechanwendungen basieren. Doch es gibt auch andere Möglichkeiten, die Städte dieser Welt für die Zukunft zu rüsten: weniger digital angehaucht, aber mindestens genauso kreativ und innovativ. Es sind anders gedachte Antworten auf Herausforderungen wie zunehmende Überflutungen, langanhaltende Hitzeperioden oder wachsende Wohnungsnot. Nur – davon hört und liest man leider nicht so oft. Grund genug für Karla Prigge, Innovation Scout bei in-manas, sich für uns auf die Suche zu machen.


Dabei ist sie auf viele ästhetisch-gestalterisch eigenständige Ideen gestoßen, die das Potenzial haben, die Lebensqualität an unterschiedlichsten Orten der Welt zu steigern, ohne um Datennutzung, stromverbrauchende IT-Programme oder sich verselbstständigende Computertechnik zu kreisen. Es geht stattdessen um Herangehensweisen, die den Ressourcenverbrauch nicht noch zusätzlich ankurbeln, aber den Menschen trotzdem einen Gewinn bescheren. Ein paar Beispiele:
 

Bebaute Umwelt anpassen: schwimmende Modulhäuser für mehr Hochwasserresistenz

Wie sollen Stadt- und Landschaftsplanung auf Klimaveränderungen reagieren? Wie lassen sich Renaturierung von Gewässern und Wohnraumbedarf ökologisch und sozial umsichtig in Einklang bringen? Neue Ideen aus dem Ingenieurwesen sind gefragt. Ein eindrucksvolles Konzept, das bei Naturschutz und Schaffung von Wohnfläche kein Entweder-oder verlangt, sondern ein Sowohl-als-auch ermöglicht, sucht Realisierer: die modularen schwimmenden Bauten, die Niklas Komm als Abschlussarbeit seines Schiffsbauingenieurstudiums in Bremen detailliert ausgearbeitet hat. Es sind schwimmfähige Häuser, deren Räume bzw. Aufbauten sich aus Überseecontainern zusammensetzen und die sich baulich modifizieren lassen, beispielsweise für das Unterfahren von Brücken. Die Schwimmkörper basieren ebenfalls auf den Standardcontainern. All die Module lassen sich auch unkompliziert auf Lkw verladen – praktisch für einen Umzug über Land. Zugleich verheißen diese Hausboote umweltfreundliche Lebensqualität: Sie funktionieren energieautark und enthalten sämtliche Technik, die es für die Wasseraufbereitung und ‑speicherung braucht. Ein Anschluss an öffentliche Infrastruktur ist also nicht nötig. Somit können die Bauten unter anderem in Wasserrückzugsgebieten stehen oder ankern, egal ob dort gerade Dürre oder Hochwasser herrscht. Und als Urlaubsdomizile, Ambiente für gastronomische Betriebe oder flexible Büros würden diese Modulboote sicherlich ebenfalls begeistern. [1]


Sonnensegel in frischem Grün für klimaresiliente Städte

Urbane Räume sind in heißen Wochen und Monaten oft ungesunde Hitzeinseln. Klimaanlagen sind bequem, leiten aber weitere erdrückende Luft auf die Straßen und verschlingen global Unmengen Energie. Es braucht flexiblere, vor allem naturbasierte Lösungen – wie die luftig-leichte Konstruktion, die neuerdings Valladolid (Spanien) schmückt: mit Kräutern sowie Blumen bewachsene und mit Bewässerungstechnik versehene Sonnensegel, die über Fußgängerzonen und Plätze gespannt sind. Konzipiert hat diese „Green Shades“ (grüne Schirme) die spanische Firma SingularGreen. Tragende Funktion hat dabei eine leichtgewichtige Aluminium-Textil-Konstruktion namens LeafSkin, die an umliegenden Hauswänden aufgehängt ist. Die Bewässerungsleitungen laufen an einem zentralen Wasseranschluss zusammen. Auf der Textilschicht befindet sich ein Nährsubstrat, in dem die Pflanzen gedeihen. Dank der rankenden Begrünung sind diese Sonnenschirme viel mehr als nur Schattenspender: Unter anderem sorgen sie mit Verdunstungskälte für Kühlung zwischen den Gebäuden; die Pflanzen entziehen der Luft CO2; Geräusche werden gedämpft; es gibt mehr Raum für Biodiversität; die Aufenthaltsqualität für die Menschen steigt. Umsetzen lässt sich das Konzept von öffentlichen wie privaten Trägern, vor Wohngebäuden, Restaurants, Ämtern, Museen, über Terrassen, Innenhöfen, Märkten … Selbst die Unterseite der Segel lässt sich nutzen, beispielsweise als Werbefläche. [2]


Plusenergiestraßen: Solaranlagen für große Infrastruktur

Straßen sind vortrefflich für die Aufnahme von Sonnenenergie exponiert. Und es gibt sie nahezu überall, wo Menschen leben, Menschen mit Energiebedarf. Daraus lässt sich etwas Substanzielles für die Energiewende machen: die Power Road, realisiert vom Straßenbauunternehmen Eurovia mit Hauptsitz in Frankreich. Diese Technologie verleiht Straßen eine neue, zusätzliche Funktion, nämlich die Gewinnung von Energie. Die Ausgestaltung, grob skizziert: In den oberen Schichten der asphaltierten Flächen werden mit Wärmeträgerflüssigkeit gefüllte Schläuche oder Rohre als Wärmetauscher verlegt. Dieses Leitungsnetz wird an die umliegende Infrastruktur angeschlossen und kann somit Wohnhäuser, Bürogebäude, Schwimmbäder wie auch andere öffentliche Anlagen heizen und zur Warmwassergewinnung dienen. Zudem kann die Power Road mit Langzeitspeichern gekoppelt werden, über die die Solarenergie der heißen, hellen Tage sogar bis in die kalte, dunkle Jahreszeit gespeichert werden kann. Unter anderem lässt sich die Energie dann nutzen, um die Straßen selbst, öffentliche Plätze oder auch Flughafenrollfelder ohne Arbeitsaufwand oder Streusalz schnee- und eisfrei zu halten. Indem die Konstruktion an heißen Tagen die Wärme über dem Boden aufnimmt und in die angeschlossenen Systeme ableitet, lässt sie außerdem die Temperaturen über dem Asphalt sinken und hemmt – als großflächige Klimaanlage – unerträgliches Aufheizen der gebauten Umwelt. Erste Anwendungsfälle hat Eurovia bereits dokumentiert. [3]


Plastikmüll in großem Stil nachhaltig zu Häusern verbaut

Große Teile der Welt stehen mindestens vor diesen drastischen Problemen: Der Wohnraummangel ist haarsträubend, es fehlt an Arbeit zu menschenwürdigen Bedingungen, und ganze Landstriche versinken in Kunststoffmüll. Ein Gegenmittel für all diese Herausforderungen zugleich verkörpert OTHALO. Das Unternehmen aus Norwegen hat eine Technik entwickelt, mit der sich aus scheinbar wertlosem Plastik Bauelemente fertigen lassen, aus denen sich dann dauerhaft sicherer, bezahlbarer Wohnraum, eilig erforderliche Notunterkünfte, Lebensmittel- und Medikamentenlager mit Temperatursteuerung oder auch Schulen errichten lassen. Dieses Upcycling verleiht dem Material wieder einen greifbaren Wert, was die Menschen insbesondere in Slums auch animieren sollte, ihre Umwelt von Müllbergen zu befreien und lästiges Verpackungsmaterial und dergleichen nicht weiter unsachgemäß in die Landschaft zu werfen. OTHALOs Transformation von Abfall in kostengünstiges Baumaterial funktioniert umweltfreundlich bei kurzen Transportwegen und – das dritte Plus des Konzepts – mit fairer Arbeit für die Menschen vor Ort. Denn: Die flexibel zu kombinierenden Bauelemente sind so konzipiert, dass man sie ohne große handwerkliche Fachkenntnisse zu mehrgeschossigen Gebäuden zusammensetzen kann. OTHALO wirbt mit dieser Rechnung: Mit dem heute weltweit kursierenden Plastikmüll sollen sich eine Milliarde Wohnhäuser errichten lassen. Da überrascht es nicht, dass das Wohn- und Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen (UN Habitat) und andere große Förderer bereits ideell und finanziell mit anpacken. [4]

Wir hoffen, dass unsere Beiträge Ihre Lust auf findige Ideen steigern und dass auch Sie künftig ein neues Zukunftsbild von lebenswerten Städten und Gemeinden zeichnen, die besser als bisher mit der Natur harmonieren.

Das in-manas Team

II

QUELLEN UND VERTIEFUNGSTIPPS

[1] Modulare schwimmende Bauten

[2] Grean Shady Structure

[3] Power Road

[4] Othalo - The Future of Housing


SCHON GEWUSST?

Mit dem in-manas-Trendradar können Sie die Entwicklungen und Auswirkungen aller relevanten Mega- und Makrotrends auf Ihr Unternehmen im Kontext von Wirtschaft und Gesellschaft bewerten. Arbeiten Sie mit beliebig vielen Personen – orts- und zeitunabhängig – auf virtuellen Pinnwänden gezielt an den unterschiedlichsten Frage- oder Problemstellungen, ganz im Sinne von Open Innovation und New Work. Laden Sie Mitarbeiter, externe Kunden oder Experten zur Lösung einer konkreten Problemstellung ein. Die Teilnehmer können jederzeit eigene Vorschläge auf der virtuellen Pinwand posten und die Lösungsvorschläge anderer Teilnehmer bewerten.
 

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Die Autorin

Foto: Karla Prigge
Karla Prigge
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Karla Prigge recherchiert und schreibt als Innovationsscout für in-manas und gibt uns immer wieder spannende Einblicke in neue Entwicklungen in Sachen Energie & Klimawandel, Instabilität von Gesellschaft & Wirtschaft sowie Mobilität & Urbanisierung. Die Beiträge der selbstständigen Lektorin und Übersetzerin aus Bremen (mit Magisterabschluss in Politikwissenschaft und Skandinavistik) können Sie nicht nur in unserem Blog lesen, sondern auch in unserem Innovationskompass bzw. Trendlabor.