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Cradle to cradle: Die Natur als Vorbild

Unendlichkeitszeichen in zwei Teilen, das von einer Hand zusammengefügt wird

Klaudia Weber auf den Spuren des Megatrends: 
ENERGIE, KLIMAWANDEL & NACHHALTIGKEIT


Zero Waste & Kreislaufwirtschaft


Warum wir nicht bis 2050 warten sollten, um intelligent zu produzieren und zu wirtschaften


Autos aus Autos? Schuhe als Düngemittel für unsere Balkonblumen? Zukünftig gibt es nur noch zwei Arten von Produkten: Verbrauchsgüter, die vollständig biologisch abgebaut werden können, und Gebrauchsgüter, die sich endlos recyclen lassen. Eine ökologisch-industrielle Revolution steht uns bevor, mit der Natur als Vorbild. [1]


Bei diesen Worten handelt es sich um den Covertext eines Buches, mit dem der deutsche Chemiker Prof. Michael Braungart und der US-amerikanische Architekt William McDonough den Begriff der „Ökoeffektivität“ prägten. Wie das Buch heißt? Cradle to cradle: Einfach intelligent produzieren. Keine Angst: Sie müssen es nicht gelesen haben, um diesem Beitrag "folgen" zu können. Wir versuchen  "einfach", die Idee für Sie auf den Punkt zu bringen, bevor wir uns einmal mehr auf eine "beispielhafte" Trend- & Innovationsrecherche zur besseren Veranschaulichung begeben.


VON DER WIEGE IN DIE WIEGE


Cradle to cradle® entspricht einem biologischen Kreislauf und verfolgt den Ansatz „von der Wiege in die Wiege“ – so auch die wörtliche Übersetzung. Dieses Konzept steht somit im Gegensatz zum Ansatz "von der Wiege bis zur Bahre": Am Ende des Lebenszyklus eines Produktes gibt es also keinen unnützen Abfall, der schlussendlich auf Müllhalden „begraben“ wird. Stattdessen wird aus den Ressourcen immer wieder Neues „geboren“. Dabei gibt es zwei wesentliche Zugänge: den technischen Kreislauf auf Basis von Industriemasse und den biologischen Kreislauf auf Basis von Biomasse: [1] [6]

  • Der TECHNISCHE KREISLAUF besteht aus künstlich gestalteten und aktiv gesteuerten Materialströmen. Die Idee ist, industrielle Masse auf beständigem Qualitätsniveau in geschlossenen Systemen zirkulieren zu lassen.
     
  • Im BIOLOGISCHEN KREISLAUF werden sämtliche Materialien von Mikroorganismen zu Nährstoffen zersetzt. Biologisch abbaubare Produkte werden zu Kompost, der wiederum Nährboden für neue, natürliche Rohstoffe darstellt. Alle in diesem Kreislauf zirkulierenden Produkte werden als Verbrauchsgüter bezeichnet. Einige Verpackungsmaterialien, Kleidung und auch Verschleißteile wie Autoreifen und Bremsbeläge werden für diesen Kreislauf konzipiert. 

EINE BEWEGUNG KOMMT IN BEWEGUNG


Seit Erscheinen des Buches sind ein paar Jahre vergangen und mittlerweile ist Cradle to Cradle (kurz: C2C) kein "Fremdwort" mehr - im Gegenteil: Es gibt sogar Zertifizierungsprogramme, die die "Kreislauffähigkeit" bestätigen bzw. die Lebenswegbetrachtung von Produkten einfordern. Und vor allem aber sind auf diesem Prinzip basierend inzwischen unzählige Produkte entstanden: angefangen von kompostierbaren T-Shirts über recycelbare Turnschuhe bis hin zu  Fabriken, deren „Abwasser“ Trinkwasserqualität hat. Aber auch Geräte, die an den Händler zurückgegeben werden können, um zu einem neuen Fernseher, Telefon oder Stuhl zu werden, gehören zum "Cradle to Cradle-Sortiment". Es kommt also Bewegung in die Sache - schneller als es Braungart damals erwartet hatte: [2] [5]

Früher dachte ich, es dauert 100 Jahre, doch wenn die Umsetzungs-Geschwindigkeit so bleibt, dann wird vor 2050 alles Cradle-to-Cradle sein. Die Frage ist nur, ob wir schnell genug sind. Denn die Zerstörung ist leider immer noch viel schneller.

MICHAEL BRAUNGART

Tja - die Frage, ob wir schnell genug sind, stellen wir uns auch. Denn nach wie vor und viel zu oft ist das Argument zu hören, dass sich Ressourcenschonung und erfolgreiches Wirtschaften nicht miteinander vereinen lassen. Zudem scheint sich aufgrund der aktuellen Corona-Krise der Fokus etwas verloren zu haben, schlicht und ergreifend deshalb, weil wir im Moment mit vielen anderen (überlebens-)wichtigen Dingen - medizinischer und wirtschaftlicher Art - beschäftigt sind. Dieser traurige und uns alle belastende Umstand ändert aber leider nichts an der Tatsache, dass eine langfristige und nachhaltige  Ressourcenversorgung eine „der“ Herausforderungen des 21. Jahrhunderts darstellt.

Wir haben uns aus diesem Grund für Sie auf die Suche nach innovativen Ansätzen gemacht und möchten Ihnen zwei Inspirationsquellen  zur besseren Veranschaulichung zur Verfügung stellen. Wer weiß: Vielleicht fällt auch Ihnen im Rahmen Ihrer "Unternehmung" eine Möglichkeit ein, wie Sie intelligenter produzieren und wirtschaften könnten? 
 


ZWEI BEISPIELE ZUR BESSEREN VERANSCHAULICHUNG 



1.
Aus Autoreifen wird universal einsetzbarer Schaum

Obwohl die in Altreifen enthaltenen Rohstoffe wie Gummi, Stahl und Ruß sehr wertvoll sind, wird nur ein kleiner Teil davon wiederverwertet – beispielsweise als Granulat, das dem Asphaltbelag auf Straßen oder den Tartan-Laufbahnen im Leichtathletikbereich beigemengt wird. Die Gründe für den spärlichen Recycling-Ansatz liegen in den hohen Kosten der Wiederaufbereitung. Nun ist es aber Forschern der National University of Singapore gelungen, einen weiteren Teil des Abfalls wiederzuverwerten, indem die Reifen zu hochwertigem festem Schaum weiterverarbeitet werden, der aufgrund seiner geringen Dichte leichter als Styropor ist. Der Schaum kann Öl aufsaugen, das bei Unfällen freigesetzt wird, sensible Geräte vor Feuchtigkeit schützen und sogar zur Schall- und Wärmedämmung eingesetzt werden. Um diesen „Universalschaum“ zu gewinnen, werden die Gummifraktionen zunächst abgeschabt, zu feinen Fasern zerkleinert und in Wasser mit einer Art "Schneebesen" gründlich durchgerührt. Im nächsten Schritt wird die Suspension im Gefriertrockner auf minus 50 Grad heruntergekühlt, bis das Wasser restlos verdampft. Der kostengünstige Herstellungsprozess ist nicht nur einfach, sondern auch umweltverträglich und lässt sich problemlos in großen Mengen industriell herstellen. Die Einsatzgebiete sind vielseitig. So könnte man diesen Allzweckschaum bei der Produktion von Fahrzeugen sowie im Immobilienbau einsetzen, da dort der Bedarf an Schall- und Wärmedämmmaterial sehr groß ist. [3]

 

2.
Mainstream-Kleidung: Made Out of Trash

Große Mode-Ketten sorgen immer wieder für Negativschlagzeilen, indem unverkaufte Kleidung einfach weggeworfen oder verbrannt wird. Den „umgekehrten“ Weg, an dem sich die gesamte Branche ein Beispiel nehmen könnte, geht ein Berliner Start-up. Aus Müll wird Mode, und mit MOOT bringen die beiden Gründer des gleichnamigen Unternehmens bereits mit vier Buchstaben zum Ausdruck, wofür ihr Modelabel „steht“: Made Out of Trash. Der „Müll“ besteht in diesem Fall aus alter Bettwäsche, die niemand mehr haben will, und daraus wird neuwertige, faire Mainstream-Kleidung gefertigt. Dafür arbeitet das Unternehmen unter anderem mit der Stadtmission Berlin zusammen, die ihre Textilspenden – zumeist sind auch alte Bettwäschen dabei – dem Start-up zur Verfügung stellt. Die Wäsche wird dunkel gefärbt (selbstverständlich entsprechend der Richtlinien von IVN-Best und Öko-Tex Standard 100). Denn die bunt gemusterten Stoffe, die sich als „Bettüberzug“ durchaus gut machen, sind bei Kleidungstücken nicht jedermanns Sache. Die gefärbten Stoffe werden wiederum unter fairen Bedingungen vernäht – und zwar von Menschen, die am ersten Arbeitsmarkt keine Beschäftigung finden. Gäbe es mehr Unternehmen dieser Art, könnte die Modewelt schon bald ein Stück weit menschenwürdiger, ökologischer und beständiger sein. [4]

 


ACHTUNG: DOWN-CYCLING IST NICHT DIE LÖSUNG!


Abschließend noch ein wichtiger Hinweis: Recycling, wie wir es beispielsweise durch bestimmte "Ergebnis-Formen" der Mülltrennung praktizieren, ist für Michael Braungart nicht der richtige Ansatz.

Es gibt kein wirkliches Recycling, denn die meisten Materialien sind gar nicht dafür gemacht.  (...) Wir perfektionieren das Falsche mit diesem Down-Cycling.

MICHAEL BRAUNGART

So enthalten beispielsweise Papier und Druckerzeugnisse, die in unser Altpapier wandern, so viele krebserregende Stoffe, die nach der Aufbereitung als Füllstoffe unsere Pizzakartons oder Adventskalender vergiften. [2]


Um den Cradle to Cradle-Weg sinnvoll zu beschreiten, bedarf es also einer fundierten Auseinandersetzung. Darum geben wir hier noch ein paar Quellen und Lesetipps an und hoffen, Sie damit auf die richtige "C2C-Fährte" zu führen.

Klaudia und das in-manas-Team

 


QUELLEN UND LESETIPPS

[1] vgl. Cradle to Cradle: Einfach intelligent produzieren" von Michael Braungart und William McDonough, erschienen bei Pieper

[2] vlg.  Umweltschutz bedeutet nicht, weniger Schweinereien zu begehen

[3] vgl. MOOT: Upcycling-Shirts aus aussortierter Bettwäsche 

[4] vgl.  Universalschaum aus alten Autoreifen 

[5] vgl. Cradle to Cradle - Recycling rund gemacht

[6] vgl. Intelligent verschwenden statt verzichten


UND NOCH EIN HINWEIS IN EIGENER SACHE

Neben unseren digitalen Management- & Consulting-Assistenzsystemen haben wir auch einen Innovationskompass, der Sie durch die neusten branchenrelevanten Innovationen & Trends "führt". Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, dann melden Sie sich doch einfach bei uns. 
 

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Die Autorin

Foto: Klaudia Weber
Klaudia Weber
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Klaudia gibt uns regelmäßig "in-sights" rund um die Themenbereiche "New Work", "New Learning", "Nachhaltigkeit", "Neue Lebensstile" und "Neue Geschäftsmodelle" - nicht nur im Rahmen dieser Blogbeiträge, sondern auch, indem sie unseren Innovationskompass laufend mit den jüngsten Trends und Innovationen anreichert. Außerdem denkt und schreibt die "gelernte" Sozialpädagogin gerne "outside the box" und tauscht sich dazu immer wieder mit Experten und Vordenkern aus den unterschiedlichsten Disziplinen aus: angefangen von Soziologen und Philosophen bis hin zu Gehirnforschern.