Facebook Pixel

Covid 19: AHA-Erlebnisse mit Hirnforscher Martin Korte

Coronaviren in Form eines Gehirns abgebildet

Klaudia Weber auf den Spuren des Megatrends:
INSTABILITÄT DER GESELLSCHAFT & WIRTSCHAFT

Im Gespräch mit dem Hirnforscher Martin Korte über:
Neue gesundheitliche Bedrohungen

Was Ausnahmesituationen wie die aktuelle Coronakrise mit unseren Gehirnen machen


Ein kleines Virus dominiert seit Monaten unser Leben und es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mit negativen "Corona-Nachrichten" konfrontiert werden. Doch was macht das mit uns? Wir haben uns mit dem Hirnforscher Prof. Martin Korte (TU Braunschweig) unterhalten, der aktuell an einer Studie arbeitet, in der es um neurologische Konsequenzen von Virusinfektionen wie Covid-19 geht. Was kann er uns diesbezüglich bereits verraten? Und was lernen wir daraus?


 

Die mentale Befindlichkeit an der Spitze der Pyramide

in-manas: Herr Prof. Korte, wir befinden uns in einem Spannungsdreieck, an dessen Basis einander unsere PHYSISCHE GESUNDHEIT und unsere WIRTSCHAFTLICHE LEISTUNGSKRAFT gegenüberstehen. Darüber wird schon viel und sehr kontrovers diskutiert.

An die Spitze dieses Dreiecks könnte man die PSYCHE bzw. die MENTALE BEFINDLICHKEIT des Menschen setzen. Als wir uns das letzte Mal zu einem anderen Thema ausgetauscht haben, haben Sie uns unter anderem erzählt, dass Sie gerade an einer Studie arbeiten. Darin geht es um neurologische Konsequenzen von Virusinfektionen wie Covid-19. Was können/dürfen Sie uns diesbezüglich schon berichten? Was machen solche Ausnahmesituationen mit unseren Gehirnen?

Martin Korte: Es gibt zwei Aspekte, die hier wichtig sind:

  • Der erste bezieht sich auf den Stress und die Angst, die mit diesem Virus einhergehen.
  • Der zweite dreht sich um die viralen Effekte, die über das Immunsystem auf das Gehirn wirken.

ZUM ERSTEN ASPEKT: Chronischer Stress und Angst engen die Gedanken ein. Wir sind also weniger kreativ, wenn wir uns einer stressigen Situation ausgesetzt fühlen und dann glauben, nicht mehr handeln zu können. Vor allem die assoziative Fähigkeit des Gehirns wird stark eingeschränkt, was wiederum den Denkraum einschränkt und im Ergebnis zu vereinfachten Denkweisen und stereotypen Handlungen führt. Das Gehirn bevorzugt in solchen Situationen den "einfacheren", weniger energieaufwendigen Weg. 

Das heißt in der Konsequenz: Wir müssen aufpassen, dass wir uns auch in Zeiten der Pandemie als Handelnde wahrnehmen, die Optionen haben und Maßnahmen ergreifen können, um gesund und wirtschaftlich aktiv zu bleiben. Angst hilft hier wenig – vor allem, weil sie sich auch auf das Immunsystem negativ auswirkt. Tatendrang und Vorsicht, Mut und AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmasken) widersprechen einander also nicht.

ZUM ZWEITEN ASPEKT: Wir erforschen gerade, inwiefern der Erreger Sars-CoV-2 über eine starke Aktivierung des Immunsystems auch das Gehirn beeinflusst. Hier wissen wir aus Studien mit Grippeviren, dass eine starke Immunaktivität zu negativen Effekten im Gehirn führt, die oft mehre Monate anhalten und bei älteren Menschen irreversibel sein könnten. Auch bei der Covid-19-Erkrankung kann das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen werden, übrigens auch bei jüngeren Menschen. Das zeigen erste Daten eindeutig. Mit welchen Wirkmechanismen wir es genau zu tun haben und wie man ihnen begegnen kann, untersuchen wir zurzeit, aber hier wird man einen längeren Atem haben müssen, bis erste Ergebnisse vorliegen.

Angst hilft wenig – vor allem, weil sie sich auch auf das Immunsystem negativ auswirkt. 

MARTIN KORTE

Zusammenhalt und Distanz: ein Widerspruch?

in-manas: Nun wird immer wieder betont, dass wir in Krisensituationen „zusammenwachsen“ und uns gegenseitig helfen. In der Vergangenheit scheint sich das auch häufig bestätigt zu haben. Wie ist es Ihrer Meinung nach in dieser speziellen Situation, bei der eine Lösung in der „Distanz“ zu anderen Menschen liegt – Stichwort: Abstandhalten bzw. Rückzug in die eigenen vier Wände? Das macht es doch noch viel leichter als zuvor, „wegzuschauen“ und passiv zu bleiben. Ist das Coronavirus eine Bewährungsprobe für unsere Gesellschaft?

Martin Korte: Wir erleben gerade beides: Gesellschaften rücken in Zeiten der Krise enger zusammen – damit schotten sie sich aber auch stärker von anderen Gruppen ab. Diesem Instinkt müssen wir widerstehen, denn das Virus kann nicht bekämpft werden, wenn am Ende nur „reiche“ Länder einen Impfstoff haben. Vielmehr brauchen wir eine weltweite, von der WHO koordinierte Lösung. Dies ist infektiologisch und auch wirtschaftlich wichtig, denn Märkte sind global und das Virus kann nur eingedämmt werden, wenn mehr als 50% der Weltbevölkerung immun sind.

Einsamkeit ist Gift für unsere Gehirne und lässt diese schneller altern.

MARTIN KORTE

Was die Nähe zu anderen Menschen angeht, ist diese tatsächlich extrem wichtig. Aber aktuell können wir andere Menschen sehen: nicht nur virtuell, sondern "leibhaftig". Dass man hier Abstand halten muss, stört unser Gehirn nicht, solange wir im eigenen Haushalt "Kuschelpartner" haben. Begrüßungsriten kann und muss man ändern, aber auch das werden wir hinbekommen, ohne dass das Gefühl des „Miteinanders“ leiden muss. Wichtig ist nur, einem weiteren Lockdown zu entgehen und soziale Isolation zu verhindern, vor allem bei älteren Menschen. Denn Einsamkeit ist Gift für unsere Gehirne und lässt diese schneller altern.
 

Und was lernen wir daraus?

in-manas: Sie beschäftigen sich auch viel mit dem Thema „Lernen“. Welchen positiven Aspekt können Sie der aktuellen Situation diesbezüglich abgewinnen? Was haben wir als Gesellschaft schon gelernt – abgesehen von einer erhöhten Digitalkompetenz (die durchaus wünschenswert ist)? Was müssen wir noch lernen, um mit dieser Situation gut umgehen zu können?

Wir müssen stärker zwischen On- und Offline-Zeiten unterscheiden, um unseren Stirnlappen nicht zu ruinieren.

MARTIN KORTE

Martin Korte: Für den Erhalt der Leistungsfähigkeit unserer Gehirne ist es gut, Gewohnheiten und Routinen immer auch mal zu ändern. Das fordert das Gehirn heraus. Es ist tatsächlich so, dass das Gehirn im wahrsten Sinne des Wortes an seinen Aufgaben wächst. Es hilft also uns und unserer Entwicklung, wenn wir aufmerksamer lernen müssen, sobald Routineabläufe nicht mehr gegeben sind. Was mir aber konkret Sorgen bereitet, ist der Umstand, dass wir oft versuchen, Hausarbeit und Home Office sowie Home Schooling und daddeln [1] miteinander zu kombinieren. Denn dann leidet unsere Konzentrationsfähigkeit. Auch unter den gegenwärtigen veränderten Bedingungen gilt es, bei der Arbeit und beim Lernen am besten nur jene Dinge "im Auge" zu behalten, die zum Arbeiten und Lernen tatsächlich benötigt werden. Allein ein Smartphone im Blickfeld zu haben hat schon eine ablenkende Wirkung, selbst wenn es ausgeschaltet ist. Wir müssen also auch unter den veränderten Lebensbedingungen in Corona-Zeiten stärker zwischen On- und Offline-Zeiten unterscheiden, um unseren Stirnlappen nicht zu ruinieren, sprich: unserem Konzentrationsvermögen nicht zu schaden.

Ein „letztes Wort": Sowohl für das Lernen als auch für den Stressabbau ist Bewegung gut – wir können zwar dem Virus nicht davonlaufen, aber der Angst (und unnötigem Übergewicht) ...

in-manas: Vielen Dank für das interessante Gespräch. Und apropos Laufen: Wir freuen uns, wenn Sie uns immer wieder über Ihre Studienergebnisse "auf dem Laufenden" halten.

II


ANMERKUNG

[1] daddeln: umgangssprachlich (norddeutsch) für Computerspielen. In Österreich auch als "zocken" geläufig.



UND NOCH EIN HINWEIS IN EIGENER SACHE

Neben unseren digitalen Management- & Consulting-Assistenzsystemen haben wir auch einen Innovationskompass, der Sie durch die neuesten branchenrelevanten Innovationen & Trends "führt". Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, dann melden Sie sich doch einfach bei uns. 

 


Sie möchten keinesfalls die kommenden Beiträge versäumen?

Dann schauen Sie doch entweder regelmäßig hier auf unseren Blog oder folgen Sie unserem "Kanal" – z.B. über LinkedIn, Xing oder Facebook. Hier finden Sie wöchentlich neue Beiträge zur Zukunft des Managements.

Werden Sie Follower von in-manas: intelligent management solutions und bleiben Sie damit "up-to-date".

LinkedInXingFacebook


Unser Interviewpartner

Foto: Gehirnforscher Martin Korte
Martin Korte
alle Artikel
Professor Dr. Martin Korte ist Neurobiologe an der TU Braunschweig. Seine Forschungsinteressen liegen auf bei den Grundlagen von Lernen, Gedächtnis und Vergessen. Im Rahmen unserer Blogbeiträge wird er uns regelmäßig neurowissenschaftliche "in-sights" zu dem Themenkreis Führung & Lernen geben, aber auch zu aktuellen Studien und Forschungsergebnissen.