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Barbara Unmüßig über intelligentes Wirtschaften

Papierknäuel und eine Glühbirne

Klaudia Weber und Alexander Ettinger auf den Spuren des Megatrends:
ENERGIE, KLIMAWANDEL & NACHHALTIGKEIT


Im Gespräch mit Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Warum wir universale Standards brauchen und welche Zutaten zu einem "echten" Wettbewerbsvorteil führen


Technologiesprünge gehen häufig mit lang anhaltenden Wachstumsphasen einher - man denke nur an das iPhone und den damit ausgelösten Wachstumshype in der Kommunikationsbranche. Wie sieht Barbara Unmüßig – NGO-Aktivistin, Publizistin und seit 2002 Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung - derartige Entwicklungen? Denn durch die Multifunktionalität, die mit diesen Technologien einhergehen, kommt es einerseits zu „Material-Einsparungen“: Uhren, Kameras, Fotoapparate, Aufnahmegeräte, MP3­Player … werden durch diesen „All-in-one-Ansatz“ nicht mehr wirklich benötigt. Andererseits gibt es bezüglich Ressourcenverschwendung und unmenschlicher Arbeitsbedingungen bei der Herstellung dieser Hightech­-Produkte sehr viel berechtigte Kritik. Wie sieht ein kluger Umgang mit Ressourcen und technischer Innovation aus? Welche Standards müssten gesetzt werden, damit es zu weniger Ausbeutung und zu einem maßvollen Wirtschaften im Einklang mit den planetarischen Grenzen kommen kann? Gute Frage …


Die abertausenden Tonnen an seltenen Erden könnten wiederverwendet werden

BARBARA UNMÜSSIG

Barbara Unmüßig: Bei Produkten wie dem iPhone  handelt es sich um Innovationen, die unser gesamtes Kommunikationsverhalten weltweit verändert haben – mit all den damit verbundenen Vorteilen. Gleichzeitig muss man aber auch sagen: In den Handys stecken unglaublich viele kostbare Metalle wie Tantal, Lithium und Gold – um nur einige zu nennen. Diese Produkte sind erfunden worden, ohne dass man sich den Kopf darüber zerbrochen hat, was mit all den knappen Ressourcen passiert: Sie landen innerhalb kürzester Zeit auf dem Schrottplatz. Jetzt – 20 bis 30 Jahre nach der Erfindung der ersten Handys – fängt man langsam an, sich dessen bewusst zu werden, dass man die Abertausenden von Tonnen Gold, die in diesen Geräten stecken, wiederverwerten könnte, anstatt mit hohen ökologischen und menschlichen Kosten weiter Goldbergbau zu betreiben. Seltene Erden werden in China und in der Mongolei zu Arbeitsbedingungen aus dem Boden geholt, die nichts mehr mit Menschenwürde und nachhaltigem Wirtschaften zu tun haben. Im Gegenteil: Es ist unverantwortlich!


Man muss politische Anreize schaffen, die zu einem Gegensteuern führen

BARBARA UNMÜSSIG

Barbara Unmüßig: Wenn man aber den Grundgedanken der Nachhaltigkeit ernst nimmt, dann würde das bedeuten, dass jede Firma in ihrer betriebswirtschaftlichen Kalkulation den Nachweis erbringen muss, wie sie mit ihren menschlichen und natürlichen Ressourcen umgeht. Natürlich gibt es diesbezüglich Vorreiterunternehmen, die versuchen, effizient und sozial zu sein. Manche aus Überzeugung; andere aus einem betriebswirtschaftlichen Kalkül heraus, um Kosten durch die Einsparung von Energie und Ressourcen zu reduzieren. Und hier bin ich bei der Politik angelangt: Man kann ökologische und soziale Verantwortung nicht allein an die Unternehmen delegieren, sondern muss politische Anreize schaffen, die zu einem Umsteuern beim Ressourcenverbrauch und beim Emissionsausstoß führen. Sobald aber eine Region der Welt klare politische Vorgaben auch nur andenkt, erfolgt ein heller Aufschrei – verbunden mit der Angst, im internationalen Vergleich nicht mehr wettbewerbsfähig zu sein. Und im gleichen Atemzug erfolgt die „Androhung“ einer Verlagerung von Produktionsstätten. Dazu muss man aber Folgendes sagen: Wirtschaft funktioniert – so wie wir sie kennen – zwar entlang komparativer Vorteile. Aber was genau ein Wettbewerbsvorteil ist, muss viel differenzierter betrachtet werden. Hier fließen viele Faktoren ein.

Es gibt sehr viele „Zutaten“ zu einem echten Wettbewerbsvorteil

BARBARA UNMÜSSIG

Barbara Unmüßig: So einfach ist es nämlich nicht, zu sagen, dass man dorthin geht, wo die Arbeitskräfte und Ressourcen am billigsten sind. Vor allem dann nicht, wenn es um Produkte geht, die ein hochqualifiziertes Know­-how voraussetzen. Dass die Textilindustrie in Südostasien und Bangladesch angesiedelt ist, wo aufgrund der einfacheren Produktionsabläufe billige Näherinnen eingestellt werden können, ist ein anderes Thema. Hochdiffizile technologische Produkte werden aber nach wie vor hier bei uns produziert, weil es dafür ein entsprechendes Know­-how und gut ausgebildete Arbeitskräfte braucht. Und zur Infrastruktur gehört ja noch viel mehr, auch dass es zum Beispiel sauberes Wasser gibt oder eine durchgängige Stromversorgung – und davon profitiert die Wirtschaft hier bei uns. Politische Stabilität ist ein anderer sehr wichtiger Standortfaktor. Es gibt also viele „Zutaten“, die benötigt werden, damit sich daraus tatsächlich ein komparativer Vorteil für eine Investition ergibt. Das heißt: Dieses „Erpresserargument“, woanders hinzugehen, führt für mich zu folgenden Schlussfolgerungen:

  • Erstens: Genau hinschauen, ob die Argumente überhaupt stimmen.
  • Zweitens: Wir brauchen globale Regeln, damit die Erpressung nicht mehr greift.

Wir brauchen also Rahmenbedingungen bzw. entsprechende soziale und ökologische MINDESTSTANDARDS. Der Wettbewerbsvorteil „billige Produktionskosten“ muss dringend schrumpfen. Der „race to the bottom“ – dieser Wettbewerb, der mit dem Abbau von Standards im Sozial­-, Arbeits-­ und Umweltbereich einhergeht – muss aufhören. Daher muss es im Rahmen einer Welthandelsorganisation, im Rahmen eines Klimaabkommens, im Rahmen von Menschenrechtsabkommen UNIVERSALE gemeinschaftliche Standards geben, auf die sich die Menschheit in Form von Leitlinien fürs Wirtschaften einigt.[i]

Sie wollen das gesamte Interview lesen?


QUELLEN UND MEHR …


  • [i] Das Interview ist in seiner gesamten Länge der Zeitschrift IMP Perspectives, Ausgabe 5 zu entnehmen: Weber, K.; Ettinger, A.; Miller, M. (2013/14). Raus aus der Nische. Oder: Welche Chancen Barbara Unmüßig sieht, gutes Leben und Wirtschaften in Einklang mit der Natur und sozialer Gerechtigkeit zu bringen. Und: Warum wir alle mehr Farbe bekennen müssen, damit Nachhaltigkeitskonzepte ihr Nischendasein beenden können. IMP Perspectives 5, Wachstumslogiken der Zukunft. Wir wachsen, also sind wir? (S. 71-79)
  • Mehr Einblicke in das Denken und Arbeiten von Barbara Unmüßig bzw. der Heinrich-Böll-Stiftung erhalten Sie hier: https://www.boell.de/de/person/barbara-unmuessig
  • Buchtipp: Thomas Fatheuer, Lili Fuhr, Barbara Unmüßig: Kritik der Grünen Ökonomie. oekom, München, 2015

II

 

 


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Unsere Interview-Partnerin

Barbara Unmüßig
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Die deutsche Politologin Barbara Unmüßig ist seit 2002 Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Hier verantwortet sie die thematischen Schwerpunkte der Stiftung - konkret: gerechte Globalisierung, Menschen- und Frauenrechte, internationale Klima-, Ressourcen- und Agrarpolitik sowie Demokratiepolitik.