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Automatische Gesichts-Erkennung

Frau mit Gesichtserkennungsprofil

in-manas auf den Spuren von Innovationen rund um den Megatrend „Sicherheit und Transparenz“ im Gespräch mit  der Soziologin Sabine Wallner


Smarte Kameras: eine Gratwanderung zwischen Sicherheit und Freiheit


In China, den USA, aber auch in vielen europäischen Ländern durchforsten immer mehr sogenannte smarte Kameras den öffentlichen Raum nach verdächtigen Gesichtern. Diese Form der Gesichtserkennung ruft zunehmend kritische Stimmen auf den Plan. Wir sprachen mit der Soziologin Sabine Wallner darüber, wie sie all diese Entwicklungen sieht. 


Dabei haben wir uns Fragen wie diese gestellt: Handelt es sich bei automatischer Gesichtserkennung um einen Fortschritt im Sinne von Sicherheit, die nicht mehr anders zu gewährleisten ist? Oder ist damit auch die Gefahr verbunden, bereits erkämpfte Rechte zu verlieren – etwa das Recht der Versammlungsfreiheit oder der freien Meinungsäußerung? Denn mittlerweile ist bekannt, dass Kameras auch eingesetzt werden, um Demonstranten zu identifizieren. Und: Sollten wir bei der grundlegenden Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, „mehr Gesicht zeigen“?


IN-MANAS IM GESPRÄCH MIT DER SOZIOLOGIN
SABINE WALLNER

in-manas: In Frankreich ist die automatische Gesichtserkennung schon weit verbreitet – auf vielen Bahnhöfen und in Pariser Metrostationen sind smarte Kameras installiert. Doch nun will Emmanuel Macron auch ein System einführen, mit dem jeder Staatsbürger digital erfasst werden und eine digitale Identität bekommen soll, gekoppelt mit den Gesichtsdaten. Frankreich ist das erste EU-Land, das seine Bürger in derart großem Stil transparent und nachverfolgbar machen will. Ein Land allerdings, in dem terroristische Anschläge an der Tagesordnung sind. Wie siehst du diese Entwicklungen, Sabine?

Sabine: Eine zentrale Frage dazu lautet: Worauf zielt der Staat ab? Neben Sicherheitsaspekten geht es darum, vom einzelnen Staatsbürger ein digitales Abbild zu erstellen, das möglichst viele Informationen enthält. Das erscheint auf den ersten Blick plausibel, wenn man die wachsenden Komplexitäten unserer Gesellschaften bedenkt, die organisiert werden müssen.

in-manas: Aber?

Sabine: Abgesehen von datenschutzrechtlichen Bedenken sehe ich eine demokratiepolitische Problematik. Denn was mit meinem potenziellen Profil passiert, mit welchen Daten es vernetzt wird, welchen Analysen es dient und wer Zugang dazu hat, ist nicht transparent. Hinzu kommt, dass diese Datenprofile systematisch beispielsweise mit privaten Handydaten oder personenbezogenen IP-Adressen verknüpft werden können.

„Durch staatliche Interessen wird das Prinzip der Privatsphäre hier bis zur Unkenntlichkeit verwischt.“

SABINE WALLNER

in-manas: Natürlich muss gesagt werden, dass digitale Technologien unser aller Leben erleichtern, wenn man etwa an Online Banking, digitale Kommunikation oder bargeldlose Bezahlung denkt.

Sabine: Das ist richtig. All die Daten, die dabei generiert werden, verschwinden allerdings nicht im luftleeren Raum, sondern werden verarbeitet. So ist es etwa in den USA schon Usus, dass Kreditvergaben oder Versicherungsleistungen an algorithmische Auswertungen personenbezogener Daten geknüpft sind, die darüber entscheiden, ob ich eine bestimmte Leistung erhalte oder nicht. Aber das wäre ein anderes Thema.

Festgestellt werden kann, dass Überwachungstechnologien wie die Gesichtserkennung immer mit dem Ziel einer effizienten Verbrechensbekämpfung gerechtfertigt werden. Dabei ist mittlerweile klar, dass Gesichtserkennung nicht der Prävention von Verbrechen dient. London dient hier als gutes Beispiel, denn die flächendeckende Installation von Kameras wurde mit einem Effekt der Abschreckung von kriminellen Personen argumentiert. Empirische Studien zeigen jedoch, dass dieser Effekt nicht eingetreten ist und kein Zusammenhang zwischen Kameraüberwachung und Kriminalitätsrate besteht. Verbrechen werden zwar immer häufiger von Kameras erfasst, diese Daten können jedoch nur zur Aufklärung der Verbrechen beitragen. Straftaten verhindern kann die Gesichtserkennung nicht – zumindest noch nicht. Es wird jedoch oft suggeriert, dass dies der Fall sei.

Im Fall von extremistischen Netzwerken verhält es sich ähnlich. Zweifellos ist Gesichtserkennung eine Bereicherung geheimdienstlicher Überwachungs- und Aufklärungsarbeit und terroristische Anschläge können im Nachhinein mithilfe der Auswertung von visuellen Daten rekonstruiert werden – wie wir auch in Wien gesehen haben. Doch Terrorismusprävention muss deutlich früher ansetzen. Kameras und Gesichtserkennung per se können Anschläge nicht verhindern. Auch darüber könnte man nun stundenlang diskutieren ... Frankreich wird nichts­des­to­trotz nicht das einzige Land bleiben, das Pläne für ein solches Überwachungssystem in der Schublade hat.  

in-manas: Tatsache ist auch, dass in Europa der Umgang mit Gesichtserkennung noch nicht ausreichend reguliert ist, obwohl diese zunehmend auch bei uns zum Einsatz kommt. Ein Beispiel aus Österreich. Die Polizei setzt seit zirka einem Jahr auf Gesichtserkennung, um Bilder aus Überwachungskameras mit einer polizeilichen Fotodatenbank abzugleichen. Kürzlich wurde bekannt, dass die Kameras auch eingesetzt werden, um Demonstranten zu identifizieren. Heftige Kritik von Datenschützern folgte. Welche Regulative brauchen wir hier, damit der Schutz von Personen nicht auf Kosten der freien Meinungsäußerung geht?

Sabine: Ich denke, das ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass wir nicht wissen, was mit digitaler Überwachungstechnologie, unseren Daten und Datenprofilen passiert. Der Einsatz der Gesichtserkennung in Österreich wurde – soweit ich weiß – im August vergangen Jahres aus der Testphase in den regulären Betrieb übernommen. Wer sich nicht explizit für diesen politischen Themenbereich interessiert, wird nicht darüber informiert. Damit möchte ich sagen, dass es hier deutlich mehr Transparenz seitens staatlicher Behörden braucht, zumal die rechtliche Grundlage dazu in Österreich ungeklärt ist bzw. fehlt. Aber nun zum eigentlichen Punkt: Die Fragen, die diese Praxis aufwirft, sind vielschichtig. Ich denke, es ist zu befürworten, Personen, die straffällig geworden sind, auszuforschen. Dennoch muss man hier auch nach der demokratiepolitischen Legitimierung fragen. Denn die Personen, die bei einer Demo teilnehmen, üben das Recht auf Versammlungsfreiheit aus, das ein hohes demokratisches Gut ist. Spinnt man die Idee der Gesichtserkennung in Echt-Zeit weiter, so frage ich mich, wohin das führt. Werden Personen dann als potenzielle Gefahr „entfernt“? Werden Personen unter Verdacht gestellt, bevor sie etwas getan haben, dessen sie verdächtigt werden könnten?

in-manas: Das erinnert mich an „Minority Report“, einen Steven-Spielberg-Film, der auf einem Roman aus den 1950er-Jahren basiert: Im Jahr 2056 jagen Polizisten der Abteilung PRECRIME Personen wegen Gewalttaten, die diese erst in der Zukunft begehen werden, prognostiziert von medial veranlagten Personen und einer futuristischen Technologie. Die Verbrechen werden also vereitelt, indem die „Täter“ vor der Tat verhaftet werden. Die Frage, ob diese die Verbrechen tatsächlich begangen hätten, wird erst gar nicht gestellt... und somit auch nicht die Frage nach dem freien Willen. Die „Verbrecher“ werden verurteilt für ein Verbrechen, das sie nie verübt haben.

Sabine: Ja, Science-Fiction-Filme treiben spannende politische und gesellschaftliche Themen oft auf die Spitze. Aber auch im Hier und Jetzt könnte man sehr schnell in Verdacht geraten: Stellen wir uns vor, ich recherchiere für eine wissenschaftliche Arbeit im Bereich rechtsextremer oder linksextremer Gewalt und nehme einige Wochen darauf an einer politischen Kundgebung teil. Werde ich dann als verdächtige Person eingestuft und explizit überwacht oder sogar in Gewahrsam genommen, weil der Algorithmus des Systems mich aufgrund meines Internet-Protokolls und der Demo-Teilnahme als „gefährliche Person“ einstuft? So funktionieren diese Systeme nämlich, wenn es über einen simplen Abgleich von Fotodatenbanken hinausgeht. Das Szenario ist auch keineswegs weit hergeholt, sondern hat sich so ähnlich auch schon in den USA abgespielt.

in-manas: Was müsste sich ändern?

Sabine: Das Problem ist, dass niemand darüber nachdenkt, was diese digitalen Überwachungssysteme mit unseren Gesellschaften machen. Es ist, meiner Meinung nach, nicht mit rechtlichen Regulierungen getan, wann, wie, wo und wozu Gesichtserkennungssysteme eingesetzt werden sollen und dürfen. Ich sehe hier einen brisanten Konfliktstoff, der in einer tiefergreifenden Debatte einerseits politisch, andererseits aber auch gesellschaftlich gelöst werden muss. Digitalisierung ist in sehr vielen Bereichen eine bereichernde und positive Technologie. Aber nur, weil breite und durchaus faszinierende Anwendungsmöglichkeiten digitaler Technologien vorliegen, sollten sie nicht einfach unbedacht eingesetzt werden.

Es muss die grundlegende Frage gestellt werden, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

SABINE WALLNER

Sabine: Ich denke, es ist übersehen worden, die zentrale Frage zu stellen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Daher kann ich nicht sagen, welche konkreten Regulative es braucht, um die körperliche Sicherheit der Bürger nicht auf Kosten ihrer Meinungsfreiheit zu schützen. Oftmals wird dann ja argumentiert, dass jemand, der nichts zu verbergen habe, auch keine Überwachung fürchten müsse. Damit werden aber die Prinzipien der freien Meinungsäußerung und der Privatsphäre grundsätzlich infrage gestellt. Denn wer sich offenbart, ist auch angreifbar, und wer sollte bestimmen, was noch verborgen bleiben darf und was nicht? Und in welchem Rahmen? Wird das zu Ende gedacht, geraten wir in eine Gesellschaftsordnung, wie sie in China beobachtbar wird: wo ein System digitaler Identitäten in Kombination mit Gesichtserkennung Menschen auf Creditpoint-Konten reduziert, die ihren Zugang zu Ressourcen bestimmen.

in-manas: Vielen Dank für das spannende Gespräch und deine kritischen Gedanken, Sabine. Die Zukunft bleibt jedenfalls „verfolgenswert“. Aber vor allem sollten wir sie AKTIV mitgestalten. Hier sollten wir also auf jeden Fall „Gesicht zeigen“, indem wir unseren Standpunkt auch in der Öffentlichkeit vertreten.

II

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Unsere Interviewpartnerin

Foto: Soziologin Sabine Wallner
Sabine Wallner
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Die Soziologin Sabine Wallner ist unter anderem bei in-manas als Innovationsscout tätig und spürt für uns zahlreichen Trends und Innovationen nach, die in unserem Innovationskompass abgebildet werden. Insbesondere zu den Themen "Gender, Kultur und sozialer Wandel" wird Sabine aber auch hier im Rahmen einer regelmäßig erscheinenden Blogserie zu Wort kommen.